Man muss nicht so viel wissen wie Joachim Carlos Martini, über Barockmusik im Allgemeinen und Georg Friedrich Händel im Speziellen. Doch wenn man ein wenig davon versteht, findet man es irgendwie ulkig. Denn Händel hat sein halbes Leben lang Opern komponiert, und wechselte dann ziemlich schlagartig vom Weltlichen zum Biblischen, zum Oratorium.
Martini dagegen macht's genau anders herum: Seit vielen Jahren schon führt der Frankfurter Dirigent und Musikforscher mit bemerkenswerter Kondition immer zu Pfingsten ein Händel-Oratorium auf - diese Termine in Kloster Eberbach gehören zu den barockmusikalischen Höhepunkten der Region, mit dem Barockorchester Frankfurt hat er dafür ein exzellentes Originalinstrumente-Ensemble gebildet, seine Solisten sind immer von erster Klasse. Und jetzt, eine Premiere, nimmt Martini erstmals eine Oper dazwischen: Händels frühe Amadigi di Gaula, ein Bühnenprojekt für den Palmengarten.
Oper, „das war schon immer mein Lebenstraum“, sagt der Mann, der im Fach Oratorium weiter in die Raritätenecken vorgedrungen ist als alle anderen. [...] Des Dirigenten Lebenstraum, der Stadt Defizit: Anderenorts feiert Barockoper, und zwar in erster Linie die von Händel, fröhliche Urstände, doch in Frankfurt tut sich in dieser Richtung gar nichts. Sicher, auch andere Barockmeister haben Opern geschrieben, die hier nicht gespielt werden, etwa ein Vivaldi 35, ein Telemann mehr als 50. Doch für Joachim Martini, der übrigens Anfang Dezember das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen bekommt, zählt nur Händel - „wegen seiner tiefen Menschlichkeit, seiner sozialen Komponente". Diese Qualitäten spiegelten sich in der Musik wieder, und da kann man Oper und Oratorium nicht trennen. Alles auf gleich hohem Niveau.
Dass der Händel-Treue dramaturgisch geschickter geworden ist, sieht man schon alleine daran, dass er ein Kompetenzteam fürs Szenische gesucht hat. Zwar wird Amadigi konzertant gegeben, die Bühne des Palmengarten-Festsaals gibt einfach nicht mehr her. Doch hat Tom Kühnel von der TAT-Mannschaft ein Auge auf die Bühnenbewegung, die HR-Moderatorin Ruth Fühner steuert erklärende Zwischentexte bei, und Joachim C. Martini hat bei der Sängerwahl schon darauf geachtet, dass zur stilsicheren Barockstimme auch darstellerisches Talent kommt. Trotzdem, das ist dem Opernmacher klar: „Das Publikum muss auf Theater-Sehgewohnheiten verzichten - und da muten wir ihm schon einiges zu.“
Mit der optischen Opulenz, wie sie die Londoner Theater der Händelzeit boten, kann man also im Palmengarten (Slogan: „Pflanzen, Leben, Kultur“) nicht aufwarten. Doch musikalisch-organisatorisch wird alles historisch einwandfrei sein: Die Musiker spielen auf Instrumenten der Zeit, das Gewitter kommt nicht vom Band, sondern wird mit Donnerblechen und Windmaschine erzeugt. Und wie es weiter gehen wird mit der Barockoper in Frankfurt weiß man ebenso wenig, wie sich einst Händel auf seine Zukunft verlassen konnte. Von der Amadigi zumindest wird es hier nur eine Aufführung geben, getragen von der Helaba und der OFB-Gruppe. Danach wird der Palmengartensaal erst einmal geschlossen, wegen Renovierung - und die startet erst, wenn Geld dafür freigegeben wird. Aber das ist wieder ein anderes Thema.
• Am Sonntag, 3.
November, um 17 Uhr: Georg Friedrich Händels Opera seria „Amadigi
di Gaula“, mit Ewa Wolak, Linda Perillo, Elisabeth Scholl, David
Cordier und Ruth Fühner, dem Barockorchester Frankfurt und dem Kammerchor
der Jungen Kantorei, Leitung Joachim Carlos Martini. Karten an der Palmengarten-Kasse,
Siesmayerstraße 63, zu 40 und 30 Euro.
Frankfurter Rundschau vom 29. Oktober 2002
Stefan Schickhaus