Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. Januar 1995, Harald Budweg
Wer in oder bei Frankfurt lebt, Spaß am Singen hat und sein Talent nutzbringend einsetzen will, ohne sein Hobby gleich beruflich ausbauen zu wollen, dem kann in dieser Stadt auf vielfältige Weise geholfen werden. Wer sich auf der Suche nach einem geeigneten Chor für die Junge Kantorei entscheidet, muß wissen, daß er sich auf ein Abenteuer besonderer Art einläßt: Er begibt sich, so auch die Selbsteinschätzung seines Leiters, „auf die Suche nach verborgenen Klängen“.
Verborgenes aufzudecken ist schon lange ein Anliegen Joachim Martinis, der diesen Chor 1968 zusammengestellt hat. Doch die Anfänge reichen noch viel weiter zurück: Martini, 1931 als Sohn deutscher Eltern in Chile geboren und während der Kriegsnöte in Berlin, Westpreußen und Schleswig-Holstein aufgewachsen, entstammt, wie er selber sagt, einem „musikbesessenen Elternhaus“. Noch bevor er sich in Frankfurt niederließ, studierte er in Göttingen unter anderem Musikwissenschaft und betätigte sich sogleich praktisch: „Ich habe damals in unendlich vielen Chören mitgesungen“, erinnert sich Martini an seine künstlerischen Anfänge.
Schon damals zeigte er sich vielseitig interessiert. Neben Musikwissenschaft studierte er Germanistik, Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie [um nach dem I. und II. Staatsexamen in das Lehramt an höheren Schulen einzutreten]. Bei Adorno hörte er Vorlesungen zu Fragen der Musikästhetik und Musiksoziologie, bei Kurt Thomas lernte er Chorleitung und Oratorienpraxis, bei Hellmuth Franz Orchesterdirigieren und Opernpraxis. [Außerdem besuchte er Dirigierkurse der Sommerakademie des Salzburger Mozarteums; dort waren die Dirigenten Dean Dixon und Hermann Scherchen seine Lehrer.] Auf Veranlassung der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau legte er nach zweisemestriger Vorbereitung als extern Studierender das Kantorenexamen an der Frankfurter Kirchenmusikschule ab.
Seit 1958 leitet Martini den Studentenchor der Frankfurter Universität. Zehn Jahre später war er Mitbegründer der Hessischen Schülerkantorei. Beide Ensembles gingen noch im selben Jahr – zusammen mit dem Frankfurter Motettenchor und der Dornbusch-Kantorei – in der Jungen Kantorei auf … Wer bei ihm mitsingen will, muß sich zwar keiner Aufnahmeprüfung unterziehen. Er muß aber strenge Disziplin üben und für ein Projekt konsequent kontinuierliche Arbeit leisten: Wer wie Martini nach verborgenen Klängen sucht, muß Wege finden, um in die Musik tief einzudringen …
Den Dingen auf den Grund gehen und Verborgenes ins Licht rücken will Martini auch mit seiner wissenschaftlichen Arbeit: Im Zusammenhang mit dem von ihm ins Leben gerufenen Frankfurter Archiv „Verfolgtes Musikleben in der NS-Zeit“ leistet Martini Forschungsarbeit zur Geschichte der jüdischen Musikerinnen und Musiker während der Zeit des nationalsozialistischen Regimes, die in einer Reihe von Publikationen und vor allem drei Ausstellungen seinen Niederschlag gefunden hat: „Musik in Auschwitz“, „Musik als Form geistigen Widerstands – jüdische Musikerinnen und Musiker in Frankfurt 1933 – 1945“ und „Der Südwestdeutsche Rundfunk und seine jüdischen Mitarbeiter“. Die inzwischen als Wanderausstellung eingerichtete Schau „Jüdische Musiker …“ wurde am 9. November in Chicago eröffnet. Martini hielt dazu einen Vortrag.
Wer je das Glück hatte, den vielseitigen Musiker und Wissenschaftler in seiner Sachsenhauser Atelierwohnung besuchen zu dürfen, kann sich mühelos vorstellen, wie Martini bei einem solchen Vortrag aus dem vollen zu schöpfen vermag. Daß er ein gründlicher, fast akribischer Materialsammler ist, wird schon nach wenigen Minuten eines Gesprächs offenbar. Und daß er mühelos im richtigen Moment das richtige Dokument hervorzaubert, spricht für strenge Ordnung im scheinbaren Chaos.