Die junge kantorei ist ein Chor der ganz besonderen Art: ein »professioneller Laienchor«, der durch seine große musikalische Bandbreite und eine spezifische Arbeitstechnik ein eigenes Profil gewonnen hat.
80 bis 120 Sängerinnen und Sänger bilden die junge kantorei. Sie setzt sich aus vier Teilchören zusammen, die ihren Sitz in Frankfurt am Main, Bonn, Heidelberg und Marburg an der Lahn haben. Geprobt wird dezentral an einem gemeinsamen Programm.
Die Geschichte der jungen kantorei beginnt im Jahr 1961: Joachim Carlos Martini erhielt den Auftrag, im Rahmen der Schülerarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau einen Jugendchor zu gründen. Die »Hessische Schülerkantorei« machte sich in vielen Konzerten im In- und Ausland schnell einen Namen. Im Jahr 1968 vereinigte sich die »Hessische Schülerkantorei« mit dem Studentenchor der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, dem »Frankfurter Motettenchor« und der »Dornbusch-Kantorei« zur jungen kantorei. Sie wurde mit zahlreichen Aufführungen barocker, klassischer, romantischer und zeitgenössischer A-cappella-Werke und Oratorien bald zu einem Vokalensemble von internationalem Ansehen.
Die junge kantorei ist für alle Menschen offen, die Freude am Chorsingen haben und bereit sind, sich der intensiven Probenarbeit zu stellen. Ein Vorsingen oder eine Aufnahmeprüfung gibt es nicht. Vorausgesetzt wird aber die Bereitschaft, Zeit und Energie in die detaillierte Erarbeitung und Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Chorwerk zu investieren.
Geprobt wird im kleinen Kreis. Die Arbeit der jungen kantorei ist betont kammermusikalisch angelegt. So gelingt es auch Laiensängern, mit professionellem Anspruch singen zu lernen. Die intensive Auseinandersetzung mit den Problemen der Stimmbildung und der Intonation verhilft dazu, eine eigene Gesangskultur zu entfalten und eine einheitliche Artikulation in jeder Stimmgruppe zu entwickeln stets abhängig vom Charakter des jeweiligen musikalischen Textes.
Zur Arbeit an einer Partitur gehört für die junge kantorei ausdrücklich die Beschäftigung mit ihrer Entstehung und der Versuch, sie aus ihrer Zeit heraus zu begreifen. Dazu gehören auch Fragen nach den tiefer liegenden Ebenen eines Werkes, so etwa, wie weit sich die Lebenszusammenhänge eines Komponisten, historische und gesellschaftliche Gegebenheiten in den Kompositionen spiegeln. Dies alles sind Faktoren, die die Interpretation der jungen kantorei mit bestimmen. Dabei kommt es nicht darauf an, Musik zu glätten, sondern das Sperrige, Spröde, Widersprüchliche in ihr aufzuspüren und damit durchaus auch zu provozieren und Widerspruch herauszufordern.
Die humane Dimension der theologischen Botschaften zu vermitteln, ist Joachim C. Martinis Lesart der Sakralmusik, die er mit der jungen kantorei in reichem Umfang einstudiert.
Der Chor sucht hörbar zu machen, dass etwa eine Passionsmusik Johann Sebastian Bachs mit ihrem geistlichen Anliegen weit über den liturgischen Anlass hinausweist, indem sie Gewalt, Leid, Verzweiflung, Zorn in einem von tiefster Menschenliebe getragenen Sinne thematisiert.
Diese universale Ausdeutung menschlicher Existenz versteht die junge kantorei auch als Schlüssel zum Verständnis des Judentums, wenn sie sich in ihrer Werkauswahl immer wieder dem Alten Testament eingehend widmet etwa den Psalmen oder den biblischen Themen der Oratorien eines Händel. Das Schicksal des Volkes Israel und die jüngere deutsche Geschichte als extremen Ausdruck von Machtmissbrauch und Verachtung menschlicher Würde zu begreifen, durchzieht die Arbeit Martinis wie ein roter Faden.
Musik nicht allein zum ästhetischen Wohlgefallen zu artikulieren, bedeutet, gängige Rezeptionsweisen zu verlassen. Die Kompromisslosigkeit, mit der Joachim C. Martini, der Chor und das Orchester dabei zu Werke gehen, ist selbst für die Beteiligten zuweilen atemberaubend.
Die außergewöhnliche Tonsprache der jungen kantorei ent-steht durch die mit besonderer Sorgfalt beachtete und erarbeitete Beziehung zwischen Musik und Text. Ein besonderes Gewicht legt Martini darauf, die Bildkraft des Textes und die in ihm enthaltenen seelischen »Landschaften« auszuleuchten. Das Ziel seiner Interpretationen ist, die von Sprache und Musik gleichermaßen entworfenen Bilder zu erschließen und konzertierend zu verwirklichen.
Oft wird an nur wenigen Takten lange geprobt. Dabei erweist sich die spezifische Probentechnik in jeweils kleiner, kammermusikalischer Besetzung als glücklich. Der Grundsatz der Textverständlichkeit bestimmt die Arbeit in einem weiter gefassten Sinn: Der Hörer soll die Worte nicht vereinzelt, sondern in ihrem syntaktischen Zusammenhang, eingebunden in die gesamte Phrase aufnehmen können. Aus der Suche nach Wahrheit im sprachlichen Ausdruck der Musik ergeben sich mitunter Eingriffe in Tempo und Agogik, Rhythmik und Akzentuierung, die erheblich von tradierten Vorstellungen abweichen können.
Das musikalische Repertoire der jungen kantorei umfasst das gesamte Spektrum geistlicher und weltlicher Chormusik vieler Epochen der abendländischen Musikgeschichte. Durch inhaltliche Schwerpunkte wird der Versuch unternommen, die Krisen unserer Tage in die musikalische Arbeit einzubeziehen.
Im Bestreben, Zusammenhänge und Querverbindungen sichtbar zu machen, hat die junge kantorei im Laufe vieler Jahre thematische Zyklen aufgebaut.
Nach einer eingehenden Beschäftigung mit der »musica sacra romantica«, den oratorischen und den a-cappella-Kompositionen von Johannes Brahms, Anton Bruckner, Antonin Dvorák, Giuseppe Verdi und Max Reger folgte eine lange Phase der Auseinandersetzung mit den Werken des Früh- und Hochbarock und der Klassik: Claudio Monteverdi, Salomone Rossi Hebreo, Heinrich Schütz, Johann Sebastian Bach und Wolfgang Amadeus Mozart.
Indes hat durch die intensive Beschäftigung mit der Oratorienliteratur des Früh- und Hochbarock, der Klassik und Romantik eine Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Kompositionen nicht etwa ausgesetzt: Arnold Schönbergs »Überlebender aus Warschau« wurde von der jungen kantorei in einer Frankfurter Erstaufführung gesungen, ebenso das den Opfern der Vernichtungslager von Auschwitz gewidmete »Dies Irae« von Krzysztof Penderecki und das »Te Deum« von Zoltán Kodály.
Seit 1986 erschloss die junge kantorei die der Öffentlichkeit bislang weitgehend verborgen gebliebene Welt der geistlichen und weltlichen Oratorien Georg Friedrich Händels. Sie nahm sich damit musikalischer Kostbarkeiten an, die im wahren Sinne des Wortes »unerhört« sind. Gleichzeitig suchte sie ihren Hörern den Zauber der Persönlichkeit und die Kraft der Gedanken des bedeutenden Humanisten und Aufklärers Händel nahe zu bringen.
Begeisterte Resonanz fanden die Aufführungen der Kantaten »Eternal source of light divine«, »The ways of Zion do mourn« und »Dixit Dominus Domino meo« sowie der Oratorien »The Messiah«, »Jephtha«, »L'Allegro, il Penseroso ed il Moderato«, »Solomon«, »Belshazzar«, »Esther«, »Athalia«, »Saul«, »Il trionfo del tempo e della verità«, »Deborah« und »Nabal«.
Tradition haben die Oratorienkonzerte der jungen kantorei zu Pfingsten in der Basilika des Klosters Eberbach bei Eltville im Rheingau und in der Peterskirche zu Heidelberg. Seit 1976 führt die junge kantorei seit 1987 mit dem Barockorchester Frankfurt jedes Jahr zu Pfingsten große Chor- und Orchesterwerke auf. Gemeinsam mit dem Barockorchester Frankfurt hat sich die junge kantorei damit ihre eigenen Festspiele geschaffen. Viele namhafte Gesangssolisten wirkten und wirken dabei mit.
Seit etlichen Jahren werden die Konzerte in Kloster Eberbach mitgeschnitten und sind auf CD unter internationalem Label im Handel erhältlich.
Immer wieder gastiert die junge kantorei im In- und Ausland und nimmt an bedeutenden Musikfesten teil, so unter anderem bei den Flandern Festspielen, dem English Bach Festival, dem Festival de Strasbourg, dem Festival du Comminges, den Händel-Festspielen in Halle und in Karlsruhe sowie im Jahre 2001 mit dem Oratorium »Nabal« von Händel/Smith im Rahmen des Festival de la Musique Baroque in Lyon.
Ihre gesellschaftlichen Anliegen drückt die junge kantorei auch mit Benefiz-Konzerten aus. Unter anderem führte sie solche Konzerte für den Wiederaufbau der Frankfurter »Alten Oper«, zugunsten HIV-infizierter Kinder und mit vielen befreundeten Musikern und Ensembles aus Frankfurt und der Bundesrepublik für »alle Ausländer der Welt« durch.
Immer wieder zum Jahresbeginn begibt sich Joachim C. Martini auf Spurensuche »nach dem verlorenen Klang«: Vergessene, verlorenengegangene und wiederentdeckte Chor- und Instrumentalmusik der Spätrenaissance und des Frühbarock lässt jeweils ein europäisches Musikzentrum der Vergangenheit lebendig werden so 1998 Italien mit unbekannten Werken von Alessandro Scarlatti, Giovanni Legrenzi, Antonio Lotti und Emanuele d'Astorga; 1999 Frankreich mit Werken von Marc Antoine Charpentier und François Couperin; 2000 und 2001 England mit Werken von William Byrd, John Dowland, Orlando Gibbons, William Lawes, Thomas Preston, Henry Purcell, Thomas Tallis und Thomas Weelkes.
Eine Vielzahl vergessener musikalischer Schätze gilt es noch zu heben, Werke, die von der jungen kantorei in den nächsten Jahren ausgegraben und jeweils im Januar in der Dreikönigskirche zu Frankfurt-Sachsenhausen vorgestellt werden. So sind weitere tönende Ausflüge nach Spanien und Portugal geplant.
Wir danken dem Kulturamt Frankfurt am Main für die langjährige finanzielle Unterstützung der jungen kantorei. Informationen zum Kulturgeschehen in Frankfurt finden Sie im Kulturportal der Stadt unter www.kultur.frankfurt.de.