Joachim Carlos Martini. Foto: Tita Bayer To English version

Joachim Carlos Martini

Joachim Carlos Martini, Musikforscher und Dirigent, gibt seit vier Jahrzehnten der Jungen Kantorei als musikalischer Leiter seine unverwechselbare Prägung. Geboren wurde er am 5. Mai 1931 als Kind deutscher Eltern in Chile. Nach der Rückkehr der Familie 1938 verbrachte er die Schulzeit in Berlin, Westpreußen und Schleswig-Holstein. Inspiriert durch sein Elternhaus entdeckte er früh seine Leidenschaft für Musik.

Er studierte Philosophie, Germanistik, Geschichte, Kunstgeschichte und Musikwissenschaft in Göttingen und Frankfurt am Main. Bei Max Horkheimer und Theodor W. Adorno hörte Martini Vorlesungen zur Musikästhetik und Musiksoziologie, bei Kurt Thomas studierte er Chorleitung und Oratorienpraxis, bei Hellmuth Franz Orchesterdirigieren und Opernpraxis. Nach dem I. und II. Staatsexamen trat er in das Lehramt an Höheren Schulen ein.

Die Liebe zur Musik und der Einfluss Adornos, mit dem er während des Studiums und darüber hinaus freundschaftlich verbunden war, ließen Martini neben dem Lehrberuf weiter an seiner musikalischen Ausbildung arbeiten. Er legte das Kantorenexamen an der Frankfurter Kirchenmusikschule ab und ergänzte seine musikalische Ausbildung durch Dirigierkurse am Salzburger Mozarteum bei Dean Dixon und Hermann Scherchen.

Von 1958 an leitete er den Studentenchor der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität zu Frankfurt am Main und begründete dessen Ruf durch Aufführungen sakraler Werke, vornehmlich der Romantik. Im Jahre 1961 gründete er gemeinsam mit Fritz Eitel, damals Landesjugendpfarrer der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, die »Hessische Schülerkantorei«. Sie ging ebenso wie der Studentenchor 1968 in der Jungen Kantorei auf, deren Leitung sich Martini seitdem hauptberuflich widmet.

1986 gründete Martini gemeinsam mit befreundeten Musikern das Barockorchester Frankfurt und stellte damit der Jungen Kantorei ein ihrer Programmatik adäquates Ensemble zur Seite.

Gemeinsam mit Judith Freise, der Konzertmeisterin des Barockorchesters Frankfurt, richtete Joachim Carlos Martini das Frankfurter Archiv »Verfolgtes Musikleben in der NS-Zeit« ein. In diesem Rahmen erforscht er Biographien und Werke der jüdischen Musikerinnen und Musiker während der Zeit des nationalsozialistischen Terrors.

Diese Arbeit fand ihren Niederschlag in einer Reihe von Publikationen und bisher drei Ausstellungen, unter anderem »Musik als Form geistigen Widerstands. Jüdische Musikerinnen und Musiker, 1933 bis 1945 – das Beispiel Frankfurt«. Die Ausstellungen wurden in der Frankfurter Paulskirche, im Wiesbadener Landtag, in den Universitäten von Frankfurt, Leipzig und Erfurt, in Straßburg, Chicago und anderen Orten gezeigt. In diesem Zusammenhang bereitete Martini viele lang verschollene Kompositionen jüdischer Komponistinnen und Komponisten auf, die er mit der Jungen Kantorei aufführte.

Ein Schwerpunkt der musikalischen Arbeit Martinis liegt auf dem Werk Georg Friedrich Händels. So rekonstruierte er nach zum Teil nie veröffentlichten Originalmanuskripten die Partituren etlicher Oratorien, die bei den traditionellen Pfingstkonzerten in Kloster Eberbach und Heidelberg aufgeführt wurden.

In den Jahren 2000 bis 2003 erlebten die Pasticcio-Oratorien »Nabal«, »Gideon« und »Tobit«, die der Händel-Schüler und -Assistent John Christopher Smith Jr. aus Musiken des Meisters zusammenstellte, ihre erste Aufführung seit rund 240 Jahren. Im Herbst 2002 führte Martini die Händel-Oper »Amadigi di Gaula« in Frankfurt a. M. konzertant auf.

Erfolgreiche Konzerte mit Werken der Klassik, der Frühromantik und zeitgenössischer Werke zeigen, dass Martini mit seiner Jungen Kantorei und dem Barockorchester Frankfurt sich auch außerhalb der Welt barocker Klänge bewährt.

Jung geblieben wie der Name seiner Kantorei steckt Martini voller Pläne für die Zukunft: Weitere Oratorien und Opern von Händel werden in den nächsten Jahren folgen.

Auch mit der Reihe »Auf der Suche nach dem verlorenen Klang« hat Martini Neuland betreten: Jedes Jahr im Januar stehen weitgehend unbekannte Werke von Komponisten der Spätrenaissance und des Frühbarock, bisher aus Italien, Frankreich, England, Spanien und Portugal, auf dem Programm.

Für seine Verdienste um das Musikleben wurde Joachim Carlos Martini im Dezember 2002 mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Interviewtermine werden gerne vermittelt.
Anfragen an die Pressestelle der Jungen Kantorei:
Klaus D. Heil, Am Haideplacken 11, 61462 Königstein/Ts.
Tel: 06173-24 31, Fax: 06173-99 48 58, eMail: k.d.heil@t-online.de

Weitere Informationen:

Zur Person Joachim Martinis: Auf der Suche nach verborgenen Klängen
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. Januar 1995, Harald Budweg
Bundesverdienstkreuz für Martini
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 6. Dezember 2002, gui

Ein Herz für Händel
Frankfurter Rundschau vom 5. Oktober 2007
Sein Herz gehört Händel
Bad Vilbel Online vom 4. Oktober 2007