Sonderprojekte

Uraufführung Claus Kühnl, Verbum absconditum
und Werke von Max Reger und Albert Becker

am 1.11.2016 im Rahmen des Patronatsgottesdienstes der Allerheiligenkirche Frankfurt/Main, 18 Uhr

Junge Kantorei unter der Leitung von Jonathan Hofmann

Claus Kühnl zur Uraufführung seines Chorwerks Verbum absconditum (2016)

Die Textvorlage stammt aus Hiob 4, 12-17 (Teil der ersten Mahnrede des Elifas von Teman an den Freund Hiob) und schildert in wenigen aber eindrucksvollen Worten eine Vision und vor allem eine Audition:

Zu mir wurde ein geheimes [verborgenes] Wort (verbum absconditum) gesprochen, geflüstert hat es mein Ohr erreicht. Im Grübeln und bei Nachtgesichten, wenn tiefer Schlaf die Menschen überfällt, kam Furcht und Zittern über mich und ließ erschaudern alle meine Glieder. Ein Geist schwebt an meinem Gesicht vorüber, die Haare meines Leibes sträuben sich. Er steht, ich kann sein Aussehn nicht erkennen, eine Gestalt nur vor meinen Augen, und ich höre eine Stimme wie ein sanfter Hauch: Ist wohl ein Mensch vor Gott gerecht, ein Mann vor seinem Schöpfer rein?

Im Buch Weisheit 18, 14-15 findet sich eine ähnliche Situation: Als tiefes Schweigen das All umfing und die Nacht bis zur Mitte gelangt war, da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel (…) herab…

Meister Eckhart (in seiner Predigt 57, zitiert nach Quint, Hanser Verlag 1955) interpretiert diese Stelle, hat aber wohl auch den Text aus Hiob mit im Sinn, wenn er „omnipotens sermo tuus“ (ὁ παντοδύναμός σου λόγος) mit „ein verborgen Wort“ übersetzt. Seine Gedankengänge seien kurz nachskizziert:

„wo ist das Schweigen und wo ist die Stätte, darein dieses Wort gesprochen wird? (…) Es ist im Lautersten, das die Seele zu bieten hat, im Edelsten, im Grunde, ja, im Sein der Seele, das heißt im Verborgensten der Seele; (…)
Gott geht hier ein in den Grund der Seele. (…)

Wie konnte er [der Empfänger, der Schreibende] es ein »Wort« nennen, da es doch verborgen war? Des Wortes Natur ist es doch, daß es offenbart, was verborgen ist? Es öffnete sich und glänzte vor mir, um mir etwas zu offenbaren, und es tat mir Gott kund, – daher heißt es ein Wort. Es war mir aber verborgen, was es war. (…)

Es verbirgt sich und bekundet sich doch; es kommt aber in Diebesweise und strebt danach, der Seele alle Dinge wegzunehmen und zu stehlen. Daß es sich aber doch ein wenig kundgibt und offenbart, damit möchte es die Seele reizen (…)“

Beim Schreiben meiner Musik höre ich innerlich etwas, dessen Ursprung mir selbst einigermaßen rätselhaft ist: wohlgesetzte Töne haben allzeit etwas an sich von einem Verbum absconditum. Ich schrieb das Stück für das Patroziniumsfest der Allerheiligenkirche Frankfurt und für die Junge Kantorei Frankfurt im Juli 2016, im Garten der Festung des toskanischen Städtchens Montepulciano, unweit von Siena, an klaren Vormittagsstunden, das „Licht, das in der Finsternis leuchtet“, deutlich im Sinn und fühlte mich wahrhaft inspiriert. (September 2016)

>> zum Artikel über Claus Kühnl bei Wikipedia