Zwischen Schwermut und Fröhlichkeit

Junge Kantorei spannt mit Händel-Oratorium Bogen der unterschiedlichsten Stimmungen Zwei Seelen wohnen in der Brust des Menschen - so möchte man das Fazit für Händels Oratorium "L'Allegro, il Penseroso ed il Moderato" ziehen. Die unterschiedlichen Temperamente stehen sich als personifizierte Begriffe gegenüber: Der Genussfreudige, immer im Streben nach Fröhlichkeit, und der Nachdenkliche mit puritanischer und melancholischer Haltung. Den Kompromiss zwischen beiden Extremen schließt im dritten Teil "Il Moderato", der Gemäßigte.

Dieses philosophische und vor allem rein epische Sujet spannend umzusetzen, bleibt nicht ganz einfach. Dass es aber durchaus möglich wird, wenn der Blick für die musikalischen Details geschärft ist, bewies die Junge Kantorei zusammen mit dem Barockorchester Frankfurt unter der Leitung von Joachim Carlos Martini. Als letzte Veranstaltung der Kulturhöhepunkte zur Landesgartenschau überzeugten sie das Publikum in der ausverkauften Christuskirche mit einer stilvollen und farbigen Aufführung.

Nach den Gedichten von John Milton und der Zusammenstellung von Charles Jennens hat Händel 1740 dieses allegorische Oratorium verfasst. Den Charakteren "Allegro" und "Penseroso" ist keine feste Stimmlage zugeordnet. Sopran, Tenor und Bariton können in den ersten beiden Teilen jede Partie übernehmen.

Einerseits lockert dieser Wechselgesang die statische Handlung auf, andererseits lässt Händel damit die Eigenschaften unabhängig von Personen und Zeiten wirksam werden. Besonders gelungen erwies sich die Auswahl der Solisten.

Vornehmlich die Besetzung der beiden Soprane für die Figuren des "Allegro" und des "Penseroso" zeugte von dem Kunstgriff, die unterschiedlichen Wesensarten gleichzeitig im Timbre zu verankern. Die Kanadierin Linda Perillo verkörperte eher dunkel und dramatisch gefärbt "il Penseroso" voller Schwermut und Ernsthaftigkeit. Barbara Hannigan (Toronto) kontrastierte im Solo-Part des "Allegro" mit einem lichten Sopran, dessen reiches Vibrato und die Koloraturen die flatterhafte FröhIichkeit geradezu bildlich nachzeichneten. Knut Schoch (Tenor) und Stephan MacLeod (Bariton) aus Genf, der im dritten Teil "il Moderato" ausführte, erwiesen sich ebenso klangvoll. Dem Chor obliegt in diesem Oratorium mangels äußerer Handlung rein bestätigende Funktion, unterstreicht er doch die gerade vorherrschende Ansicht. Das gelang der Jungen Kantorei mit einer unaufdringlichen, aber klaren Stringenz.

Trotz der narrativen Form finden sich auch dramatische und tonmalerische Pointen in der Musik Händels, welche die Solisten, der Chor und das Barockorchester, das mit historischen Instrumenten spielte, lebendig ausschöpften. So etwa der Dialog zwischen Sopran (Linda Perillo) und der Flöte, die in "Sweet Bird" ein pastorales Duett entwerfen.

Ebenso auch im zweiten Teil die Vorstellung vom pulsierenden Leben der Stadt ("Populous Cities"), die musikalisch mit Carillons, Pauken und Trompeten und der dynamischen Chorpartie vortrefflich dargestellt wurde. Der Stellenwert zwischen "Allegro" und "Penseroso" ist am Ende des zweiten Teils ausgewogen, "il Moderato" soll nun am Ende die goldene Mitte finden und zwischen beiden versöhnen. Es ergibt sich allerdings nur ein übergestülpter Kompromiss, weil "Allegro" und "Penseroso" nicht mehr zu Wort kommen. Die Suche nach der mäßigenden Mitte bleibt für den Menschen somit immer ein Bestreben.

Viel Beifall und stehende Ovationen erhielten die Ausführenden, die sich diesem komplexen und philosophischen Thema erstklassig angenommen hatten.

Hanauer Anzeiger vom 1. Oktober 2002
ege/ju