HANAU. „Kultur-Hohepunkte Packende Veranstaltungen zur Landesgartenschau“ lautete der Titel eines anspruchsvollen und lang andauernden Großunternehmens. Am 18. April war die Reihe mit einem spektakulären Fest für alle Sinne auf dem Marktplatz eröffnet worden. Im Mai gab es Märchenhaftes & Mythisches, im Juli dann dicht aufeinander Tigerpalast, Lichterklänge, Ein Sommernachtstraum, hrxxl-Club-night, La Traviata, die Jazzgala, um nur einiges zu nennen. Erst kürzlich dann Evita, die Carmina Burana und nun der grandiose Abschluss mit „L'Allegro, il Penseroso ed il Moderato“, einem Oratorium von Georg Friedrich Händel, dem Hallenser, der schließlich in London Karriere machte.
Welcher Normalbürger hätte jemals von diesem Oratorium gehört, das in der evangelischen Christuskirche an der Ehrensäule zu Gehör gebracht wurde? Ja, in der Christuskirche, nicht etwa im „Theater-, Kongress- und Kulturzentrum (TKK)“, wie im Programm stand. Denn erstens gibt es das noch gar nicht, es existiert lediglich ein Rohbau, und zweitens heißt es auch nicht mehr TKK, sondern Congress-Park Hanau (CPH). Der Wechsel war indes rechtzeitig angekündigt, und auch von weit her angereiste Leute fanden den Weg zum Gotteshaus, das übrigens für seine hervorragende Akustik bekannt ist.
Zu erleben waren die Junge Kantorei Frankfurt, (mittendrin übrigens Albrecht Schaal, Geschäftsführer der Landesgartenschau-GmbH), das Barockorchester Frankfurt (beide unter der Leitung von Joachim Carlos Martini) und ein brillantes Solisten-Quartett: Barbara Hannigan und Linda Perillo (beide Sopran), Stephan MacLeod (Bariton) und Knut Schoch (Tenor). Martini hat die Junge Kantorei bereits im Jahre 1965 gegründet, „im Einvernehmen mit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau“, wie es in einer Selbstdarstellung heißt. Seit einigen Jahren leitet Martini den Chor hauptberuflich und dirigiert gleichzeitig das von ihm gemeinsam mit befreundeten Musikern gegründete Barockorchester Frankfurt. Das Ensemble setzt sich aus Musikerinnen und Musikern zusammen, die sich in besonderer Weise auf die historische Aufführungspraxis spezialisiert haben und zu den Projekten der jungen Kantorei aus allen Teilen Europas zusammenkommen. Ein besonderer Schwerpunkt der Arbeit beider Ensembles bildet das Oratorienwerk Georg Friedrich Händels. Zudem bemühen sie sich, wenig bekannte Barock-Kompositionen „für die musikalische Öffentlichkeit zurückzugewinnen“. Diese Arbeit läuft unter dem Titel „auf der Suche nach dem verlorenen Klang“, der eigentlich auch für die Aufführung des Händel-Oratoriums gelten könnte. Erfrischend modern hörte sich das Werk an, exakt und lebendig wurde gesungen und auf historischen Instrumenten musiziert, ein akustischer Festschmaus.
Inhaltlich basiert das Oratorium wesentlich auf zwei Oden John Miltons, der 1632 barocke Lebensfreude und puritanisch-ernsthafte Besonnenheit gegenüberstellte, verkörpert in gegensätzlichen Personen, L'Allegro und Il Penseroso, die am Ende durch die vermittelnde Gestalt des Moderato versöhnt werden. Auf deutsch also „Der Heitere, der Nachdenkliche und der Gemäßigte“.
Frankfurter Rundschau vom 2. Oktober 2002
pom