Philosophisch und poetisch

Händels „L'Allegro, il Penseroso ed il Moderato“ in Kloster Eberbach

Sie machen sich rar, und doch gibt es sie: die Augenblicke erfüllten Musizierens, deren Vollkommenheit noch das Gesamtbild einer gelungenen Aufführung überflügelt, in denen Zeit angehalten wird und den Hörern der Atem stockt. Einen dieser seltenen, kostbaren und unvergesslichen Momente erlebte man während des traditionellen Pfingstkonzertes der Jungen Kantorei in der Basilika des Kloster Eberbach, und er erstreckte sich über eine ganze Arie: „Sweet bird“. Da besingt „Il Penseroso“, Inbegriff menschlicher Gereiftheit, dabei leicht schwermütig, allem leichtfertig Diesseitigen abhold, auf ungemein poetische Weise das abendliche Lied eines Vogels. Und hier verband sich der Sopran von Linda Perillo, wohl der Idealbesetzung dieser allegorischen Figur Händels, mit dem Flötenton Marion Moonens, verschmolzen absolute Kunstfertigkeit und Naturlaut zu jenem typisch englischen „sublime“ des 18. Jahrhunderts, lange bevor der Begriff des „Erhabenen“ auf andere Länder übergriff.

Philosophisch und poetisch zugleich gibt sich Händels selten aufgeführtes Oratorium „L'Allegro, il Penseroso ed il Moderato“, basierend auf Oden John Miltons, um einen vermittelnden dritten Teil erweitert durch Charles Jennens. Um den Gegensatz von apollinisch-dionysisch geht es, den Widerstreit von Lebensgenuss und Besonnenheit, dem nur durch Weisheit und Vernunft zu begegnen ist. Randvoll an musikalischer Schönheit ist Händels Partitur, zugeschnitten in erster Linie auf das Solistenquartett, von dessen Qualität dann auch der Erfolg einer Aufführung abhängt.

Und erneut bewies Joachim Carlos Martini Fingerspitzengefühl. Da stand Linda Perillos instrumental geführtem, gradlinig klarem Sopran der heller timbrierte, leichtere von Barbara Hannigan gegenüber, den Unterschied zwischen „L'Allegro“ und „Penseroso“ auch stimmlich unterstreichend. Zunehmend baritonal gereift und abgerundet Knut Schoch (Tenor), technisch und stilistisch den Damen ebenbürtig, markant, schlank und dezent gestaltend Stephan MacLeod (Bass). Ein überdurchschnittliches Solisten-Ensemble also, das vom grandios aufwartenden Barockorchester Frankfurt kongenial getragen wurde. Ob in den solistischen Partien von Horn, Trompete, Flöte und Oboe, dem fantasievollen Continuo mit Orgel, Glockenspiel und Cembalo: eine Instrumentalleistung vom Feinsten. Leicht stiefmütterlich eingesetzt die Junge Kantorei, klanglich etwas einfarbig, dabei aber präzis und mit untadeliger Intonation.

Wiesbadener Kurier vom 21. Mai 2002
Friedhelm Eschenauer