Von John Milton stammt der größte Teil des Textes: In zwei Oden aus dem Jahr 1632, seinen ersten großen Dichtungen, stellt Milton barocke Lebensfreude puritanisch-ernsthafter Besonnenheit gegenüber. „L'Allegro“ (Der Heitere) ist die allegorische Gestalt des ausgelassen-unbeschwerten, zu Scherzen aufgelegten, freiheitsliebenden und dem Lebensgenuß zugewandten Jünglings. „Il Penseroso“ hingegen ist der gereifte, tatkräftige und selbstbewußte Mann, der diesseitigen, „trügerischen" Freuden eher distanziert gegenübersteht, die „erhabene Melancholie“ besingt, die ihm den Seelenfrieden bedeutet. Nicht von Milton stammt der dritte Teil des Oratoriums, „Il Moderato“ (Der Gemäßigte): Mit ihm dichtete Georg Friedrich Händels Librettist Charles Jennens den Charakter des Weisen hinzu, der ein Loblied auf Gelassenheit und Mäßigung singt und für den „goldenen Mittelweg“ zwischen dem Pfad des „fiebrigen Frohsinns“ und der „grüblerischen Trübsal“ plädiert. Darüber hinaus verwob Jennens im Sinne effektvollerer Kontrastierung die beiden Oden Miltons miteinander.
Unter der Leitung von Joachim Carlos Martini, bekannt als oft Unerhörtes zutage fördernder Händel-Spezialist, erlebte man beim traditionellen Pfingstkonzert der Jungen Kantorei in der Basilika von Kloster Eberbach eine wahrlich glänzende Aufführung. Der Chor war hervorragend präpariert und überzeugte durch professionelle Qualitäten sowie musikalische Tugenden, die man von einem Laienensemble sicher nicht immer erwarten kann: Hervorragende Intonation und Textverständlichkeit waren omnipräsent, ansprechend wirkten Klarheit, Fülle und Geschmeidigkeit des Chorklangs. Allenthalben spürbar war aber auch die musikalische Intelligenz, die das Mit- und Ineinanderwirken der Chor- und Solopartien lebendig erscheinen ließ. Als besonderer Höhepunkt wäre in diesem Zusammenhang der farbenprächtige, vom Solo-Baß eingeleitete Chor „Populous cities please us then“ zu nennen.
Brillante Solisten gaben dieser Aufführung einen Hauch von Extraklasse: Besser als mit der Sopranistin Barbara Hannigan, der im wesentlichen die Darstellung des „Allegro" zufiel, hätte man sich die Darstellung dieses übermütigen, kapriziösen Charakters kaum wünschen können. Brillante Koloraturen, enorme Leichtigkeit in der Höhe und suggestive artikulatorische Präsenz machten den Vortrag etwa in der von Carillons begleiteten Arie „Oh let the merry bells ring round“ zum fesselnden Ereignis. Nicht minder virtuos und mit hoher Intensität des Ausdrucks gestaltete Linda Perillo ihre „Penseroso"-Partien. Geschmeidigkeit und lyrische Expressivität sprachen aus dem Vortrag des Tenors Knut Schoch. Der Baß Stephan McLeod sein großer Auftritt kam mit dem „Moderato“-Teil gefiel durch die subtile Ausdruckskraft seiner schlank geführten, warm timbrierten Stimme.
Dies alles wäre wohl ohne ein brillant agierendes Instrumentalensemble wie das Barockorchester Frankfurt mit seinen ausgezeichneten Solisten kaum möglich geworden. Martini achtete auf ausgewogenen, dabei farbigen und nuancierten Gesamtklang, wobei er wohl kaum eine Möglichkeit zu plastisch-illustrativer Textdeutung ausließ. Kleine Irritationen wie etwa die nicht durchgängig intonationsrein gelungene Illustration des Lerchengesangs in den Violinen oder ein vereinzelter Patzer bei einem Trompetensolo sind angesichts der insgesamt hervorragenden Leistungen, aber auch der Umsetzung der umfassenden wissenschaftlichen Recherchen Martinis als nachrangig zu betrachten. Lang anhaltender Applaus belohnte eine großartige Aufführung.
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 22. Mai 2002
Joachim Wormsbächer