Dialog der Temperamente

Die Junge Kantorei führte Händels Oratorium „L'Allegro, il Penseroso ed il Moderato“ in der Basilika von Kloster Eberbach im Rheingau auf.

Das Werk mit dem etwas sperrigen Titel, der aber nichts anderes als ein musikalisches Streitgespräch zwischen dem Heiteren, dem Nachdenklichen und dem Gemäßigten ausdrückt, führt den Dirigenten und Musikforscher Joachim Martini und dessen Junge Kantorei zurück zu den Anfängen ihrer „Händel-Verehrung“. 1987 wurde es als erstes Händel-Oratorium von dem Chor in der Eberbacher Basilika aufgeführt. Und wer das Oratorium heuer gehört hat, wird sich kaum wundern, dass der Chor zu Pfingsten seither ausschließlich Werke von Händel aufgeführt hat.

Das Oratorium, dem im Gegensatz zu vielem anderen aus Händels Feder kein biblischer Hintergrund, sondern eine Dichtung des Engländers John Milton zu Grunde liegt, versprüht musikalischen Charme, Einfallsreichtum und Bildhaftigkeit der Klänge in überreichem Maße. Das Streitgespräch zwischen dem Temperamentsbündel „Allegro“ und dem eher defensiven „Penseroso“ wird in genialer Form auf die Musik übertragen. Je nach Mentalität des Zuhörers kann er den einen oder den anderen sympathischer finden. Die Musik, die sich bei Martini, der Kantorei und dem Frankfurter Barockorchester in besten Händen befand, macht es dem Zuhörer schwer, einen Favoriten herauszudeuten. Einzelne Stellen blieben in besonderer Erinnerung: etwa der Einsatz des Tastenglockenspiels zur Aufforderung des „Allegro“, die lustigen Schellen erklingen zu lassen. Aber auch die Barockflöte des „Penseroso“, die vom süßen Vogel kündet, der den Lärm der Narren scheut – „voll Musik und Melancholie“–, verdeutlichte sowohl den Einfallsreichtum Händels als auch die famose Umsetzungsgabe von Chor und Orchester, und natürlich der vier mit Bedacht und Fingerspitzengefühl ausgewählten Solisten: Linda Perillo und Barbara Hannigan (Sopran), Knut Schoch (Tenor) und Stephan MacLeod (Bass).

Frankfurter Neue Presse vom 22. Mai 2002
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