Drei Typen – bildhaft ausgebreitet

Junge Kantorei und Barockorchester Frankfurt in Kloster Eberbach

Eigentlich ist es schade, dass man trotz aller reichhaltiger Chorarbeit in unserer Region nur so selten solche Meisterwerke wie Georg Friedrich Händels Oratorium „L'Allegro, il Penseroso ed il Moderato“ zu hören bekommt. Der Titel ist Programm, geht es doch um die beiden Charaktere „der Heitere“ und „der Nachdenkliche“, die vom „Gemäßigten“ zu einer mittleren Position gedrängt werden – doch dies erst im dritten Teil.

In den beiden vorigen werden die jeweiligen Positionen in einer wunderbar bildhaften Sprache ausgebreitet, und die Musik gibt sich ganze Mühe, mindestens genauso bildhaft zu sein. Da ist von Vögeln die Rede – und man hört die beiden Sologeigen in den höchsten Lagen zwitschern; herrlich auch der Dialog von Traversflöte und Sopran-Solo.

Anschaulich durcheinander klingt der Chor – die Junge Kantorei Frankfurt – mit dem (englisch gesungenen) Text über das „geschäftige Stimmengewirr“. Dazu kommt eine abwechslungsreiche Instrumentierung, die jedem Instrument eine Solo-Arie zubilligt: neben Cello, Flöte, Horn, Trompete, Gambe, Orgel auch dem Glockenspiel. Das setzt natürlich ein verhältnismäßig großes Orchester voraus, doch Dirigent Joachim Martini schaffte es, alle Pulte des Barockorchesters Frankfurt mit barocken Nachbauten zu besetzen, was zu einem sehr farbigen, aber auch klaren Klangbild führte.

Bravourös agierten die Solisten, die sich alle Mühe gaben, in der Akustik der Basilika von Kloster Eberbach deutlich, doch zugleich dramatisch zu singen. Die beiden Sopranistinnen Barbara Hannigan und Linda Perillo schienen sich dabei überbieten zu wollen, wer sauberer die halsbrecherischen Koloraturen und Verzierungen absolviert.

Knut Schoch war ein ebenso überzeugender Tenor, wobei der Bassist Stephan MacLeod bei aller stimmlichen Souveränität eine ungewöhnliche Aussprache des Englischen pflegte. Der Chor war in diesem Werk weniger gefordert als sonst. Er sang homogen, exakt und mit Sinn für den Affektgehalt der Texte, von angeblich „trockener Barockmusik“ war nie etwas zu spüren. Ein äußerst gelungenes Konzert.

Mainzer Allgemeine Zeitung vom 22. Mai 2002
mfr