Händel satt, und das über drei Stunden lang. Die Enthusiasten kamen auf ihre Kosten und waren zum Teil zu diesem Konzert in der Heidelberger Peterskiche von auswärts herbeigereist. Der Aufwand hat sich in jeder Hinsicht gelohnt, denn die Junge Kantorei und das Barockorchester Frankfurt gastierten am Pfingstmontag mit einem ganz außergewöhnlichen Musikereignis.
Ihr Leiter Joachim Carlos Martini ist für seine Händel-Ausgrabungen bekannt. In den zurückliegenden Jahren machte er mit Aufführungen von Oratorien wie „Esther“, „Belshazzar“, „Solomon“ oder „Saul“ Furore, und es gehört schon zur Tradition, dass man an den Pfingsttagen in der Basilika des Klosters Eberbach und in der Heidelberger Peterskirche auftritt.
„L'Allegro, Il Penseroso ed Il Moderato“ hatte Martini erstmals vor fünfzehn Jahren vorgestellt. Dieses Werk, das überwiegend auf dem Text von John Milton basiert - Händels Librettist Charles Jennens hatte zu dem „Fröhlichen“ und dem „Nachdenklichen“ des englischen Dichters noch den „Gemäßigten“ hinzugedichtet; der als abgeklärter Weiser für den Ausgleich der Gefühle plädiert ist, zwischen Oper und Oratorium angesiedelt, im Grunde eine groß angelegte Pastoral-Ode voller kompositorischer Feinheiten.
Diese herauszukristallisieren gelang den Ausführenden - die Aufführung fand in englischer Sprache statt - in tadelloser Manier. Martini setzte seinen ganzen Körper ein, um Instrumentalisten und Vokalisten zu Höchstleistungen anzuspornen, und so erlebten die begeisterten Zuhörer, die sich nach Konzertende die Finger wund klatschten, ein exzeptionelles Klangerlebnis, das der musikalischen Präsenz aller Ausführenden zu danken war.
Jeder der drei Werkteile begann mit einem Concerto grosso, das die Barocksolisten, unter ihnen zahlreiche Niederländer, auf ihren historischen Instrumenten (Stimmung 415 Hertz) mit federndem Drive und durchdacht austarierter Dynamik spielten. Da hat jeder seine solistischen Qualitäten. So gab es zum Beispiel eine phantastische Traversflötistin, die leider nur eine Arie begleitete, zwei Super-Trompeter oder einen Orgelspieler, der kleine Konzerteinlagen bescherte. Die Gambe ließ ebenso aufhorchen wie das Horn usw. Delikatessen für den Musikliebhaber.
Kaum anders der Chor. Er sang spürbar motiviert und mit auffallender Homogenität. Seine nicht allzu zahlreichen Auftritte waren Höhepunkte der Aufführung.
Die vier Gesangssolisten waren gut ausgelastet. Sie hatten die Unterschiede in den Charakteren des Fröhlichen und des Nachdenklichen hörbar zu machen, deren Gefühle zwischen Extremen changieren. Sie stellen die zwei Pole menschlicher Wesensart dar, und es können durchaus auch die zwei Seelen in einer Brust gemeint sein, denn wer ist schon immer fröhlich oder ewig traurig? L'Allegro und Il Penseroso tragen als personifizierte Figuren ihre Rezitative und Arien vor, sind aber stimmlich nicht festgelegt. Sie wechseln von Sopran zu Tenor und Bass in verschiedene Stimmlagen über.
Der hinzuerfundene gemäßigte Typus im dritten Teil entsprach der rationalistischen Auffassung des 18. Jahrhunderts, in dessen bukolisch-heitere Atmosphäre man während der spannenden Aufführung abtauchen konnte. Man sah vor seinem inneren Auge galante Szenen, eine höfische Gesellschaft, die sich an Maskenspielen ergötzte und an feinsinnigen Spielereien, seien sie musikalischer oder geistiger Natur, Händel hatte sich viel einfallen lassen. Vogelgezwitscher, Jagdszenen, Glockengeläut wurden von den Barocksolisten mit illustrativem Witz und instrumentaler Virtuosität vorgeführt.
Zwei Soprane (Linda Perillo, Barbara Hannigan), der Tenor Knut Schoch und der Bassist Stephan MacLeod hatten die Riesenaufgabe übernommen, mit ihren kultivierten und einsatzfreudigen Stimmen puritanische Besonnenheit, mehr aber noch barocke Lebensfreude und den sinnenfrohen Lebensgenuss vokal Gestalt werden zu lassen wobei sich die Gegensätze der Temperamente gegen Ende des Werkes immer mehr verwischen, bis schließlich der Ausgleich triumphiert. Bühnen- und konzerterfahren sowie koloraturensicher sind sie alle vier, wobei die Kanadierin Linda Perillo den stärksten Eindruck hinterließ.
Rhein-Neckar-Zeitung vom 22. Mai 2002
Heide Seele