Unerschöpflich scheint die Energie von Joachim Carlos Martini, die liebevolle Akribie, mit der der quirlige 71-Jährige in Archiven gräbt, um wenig bekannte Barockwerke zu Tage zu fördern oder bekannten Werken neue Glanzlichter aufzusetzen. So auch im 26. Pfingstkonzert der 1968 von ihm gegründeten Jungen Kantorei in Kloster Eberbach, dem 15. mit einem reinen Händel-Programm. In einer frisch herausgeputzten und den Londoner Aufführungsgepflogenheiten angenäherten Fassung erklang Händels 1740 komponiertes Oratorium „L'Allegro, il Penseroso ed il Moderato“ (Der Heitere, der Nachdenkliche und der Gemäßigte), lyrisch-musikalischer Wettstreit dreier Temperamente.
Wie Händel selbst bei vielen seiner Aufführungen integrierte Martini zwei Concerti Grossi und ein Orgelkonzert als Ouvertüren in das dreiteilige Oratorium. Das „Barockorchester Frankfurt“ sorgte für facettenreiche historische Klangfarben bis hin zum Glockenklang des Carillon, die die prallen Bilder der sprachmächtigen Texte John Miltons mit viel Liebe zum Detail illustrierten. Selbst der inhaltlich deutlich flachere dritte Teil, das Lob der Mäßigkeit, blieb musikalisch spannend.
Intensiv identifizierten sich Solisten und Chor mit ihren Rollen, zauberten zarte Pastoral-Idyllen, federnde Tanzlieder oder brausendes Menschengetümmel. Kristallklar meisterten die Sopranistinnen Linda Perillo und Barbara Hannigan die heiklen Koloraturen, lebhaft und klangvoll gestalteten Tenor Knut Schoch und Bass-Bariton Stephen MacLeod ihre Einsätze. Wie eine große schwarze Mondsichel überschattete das dunkle Halbrund des mehr als hundertköpfigen Chores die eng zusammengedrängten Instrumentalisten, berückend rein und leicht bis zum Schlusston widerlegte der Klang das wuchtige Bild. Glanzstück war die geheimnisvoll aus den tiefen Stimmen anwachsende Doppelfuge über die Freuden der Melancholie, in der die Junge Kantorei ihr volles Klangpotential entfalten durfte.
Am 29. Sept. wird das Oratorium bei der Landesgartenschau in Hanau aufgeführt.
Frankfurter Rundschau vom 24. Mai 2002
bec