Mit Lobgesang auf den goldenen Mittelweg triumphiert

Junge Kantorei mit Händels Oratorium »L'Allegro, il Penseroso ed il Moderato« in der Basilika von Kloster Eberbach

Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust: Faust und Mephisto tragen ihn aus, den allzu menschlichen Kampf zwischen Manie und Depression, zwischen unendlicher Traurigkeit und übersteigerter, hemmungsloser Fröhlichkeit, zwischen »himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt«. Das Problem ist alt wie die Menschheit; schon Hippokrates beschreibt die Depression und bezeichnet sie mit dem Begriff »Melancholie«. Goethe setzte ihr ein Denkmal mit den »Leiden des jungen Werthers« - wie überhaupt die romantischen Dichter und Komponisten höchst anfällig waren für die Depression, vor allem in Verbindung mit ihrem Antagonisten, der Manie.

Georg Friedrich Händel gehörte zu jenen Menschen, denen das Problem der Ambivalenz durchaus vertraut war, handelt es sich dabei doch um eine menschliche Grunderfahrung. So mag auch ein gutes Teil an autobiografischer Lebensbewältigung in sein Oratorium »L'Allegro, il Penseroso ed il Moderato« eingeflossen sein. Händel hatte seinen Librettist Charles Jennens damit beauftragt, die beiden Versepen des englischen Barockdichters John Milton in ein Oratorien-Libretto zusammenzufassen; geschickt konstruierte Jennens ein Streitgespräch der beiden Figuren; L'Allegro, der fröhliche, unbeschwerte, zu allerlei Scherzen aufgelegte, vorzugsweise junge Mensch argumentiert durchaus eingängig für seine Leichtigkeit des Seins – die wiederum dem gereiften, nachdenklichen, puritanisch-schwermütigen Gegenspieler, Il Penseroso, verwerflich erscheinen mag; und auch er findet treffliche Beweisgründe für die Richtigkeit seiner Lebensweise.

Doch weder die eine noch die andere Art zu leben scheint sonderlich erstrebenswert, erst recht nicht das stete Schwanken der Emotionen. So braucht es eine dritte Allegorie: Il Moderato, der Gemäßigte, tritt im dritten Teil des Oratoriums auf und versöhnt die beiden Prinzipien miteinander. »L'Allegro, il Penseroso ed il Moderato« stand auf dem Programm der diesjährigen Pfingstkonzerte der Jungen Kantorei, die damit sogar ein kleines Jubiläum feiern kann: Vor 15 Jahren traten die Sängerinnen und Sänger um den engagierten Dirigenten Joachim Carlos Martini zum ersten Mal in der Basilika des Klosters Eberbach auf. Und von diesem Zeitpunkt an bildeten Händels Oratorien den Schwerpunkt im Schaffen der Kantorei – wobei etliche musikhistorische Highlights zu entdecken waren: Beispielsweise die erst vor wenigen Jahren wiederentdeckten Händel-Smith-Pasticci »Nabal« und »Tobit«. Auch wenn mit »L'Allegro« in diesem Jahr keine Rarität aufgeboten wurde, kann das diesjährige Pfingstkonzert wieder einmal als Highlight der Chormusik gelten.

Mit wie gewohnt vorzüglichen Solisten und dem Barockorchester Frankfurt gelang es dem Chor und seinem Leiter Joachim Martini, die Zuhörer in der vollbesetzten Basilika zu wahren Beifallsstürmen zu bewegen. Die Sopranistin Linda Perillo gab »Il Penseroso« auf vollendet-dramatische Weise, mit wunderbar klaren Höhen und ausdrucksvoller Strahlkraft – dieser »Melancolia« hätte man mit Lust verfallen mögen. Die Partie des Allegro teilten sich die lyrische Sopranistin Barbara Hannigan, der Tenor Knut Schoch und der Bassist Stephan MacLeod – und auch deren Argumentationen waren stimm- wie schlagkräftig genug, sich ihnen hinzugeben.

Einen hinreißend schönen Disput lieferten sich die beiden Gegenspieler, unterstützt von Violinen und Solo-Flöte, in den die Lerche und die Nachtigall klangmalerisch imitierenden Arien; kaum zu sagen, wem man nun eher hätte zustimmen mögen. Und »Populous cities«, die menschenreichen Städte mit ihrem »geschäftigen Stimmengewirr«, die der Chor so ausdrucksvoll darzustellen wusste, übten einen ebenso großen Reiz aus wie die einsamen »Hohlwege kühler Haine in den dunklen Schatten, die Sylvanus so liebt« ... himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt ...

Doch letztlich vermochte »Il Moderato« mit seinem Loblied auf den goldenen Mittelweg den Triumph davonzutragen: Stephan McLeod gab der Partie des Mäßigers großartiges Format. Und vielleicht dem einen oder anderen Zuhörer einen in den Alltag hineinwirkenden Denkanstoß – auf der Suche nach dem inneren Frieden. Eine Pfingstbotschaft, wie man sie sich schöner nicht denken kann.

Main-Echo vom 31. Mai 2002
Brigitta Mazanec