Heim-Vorteil

Barockorchester Frankfurt: L'Allegro, il Penseroso ed ...

Wären wir in Großbritannien, dürfte er jetzt ein „Sir“ vor seinen Namen spannen – so wie Sir John Eliot Gardiner beispielsweise, und das Beispiel ist nicht zufällig gewählt. Denn wenn Joachim Carlos Martini, der vor wenigen Wochen mit dem Bundesverdienstkreuz geadelte Frankfurter Musikforscher und Dirigent, weiter so fleißig die Musik Georg Friedrich Händels zum Erklingen bringt, dürfte er die Diskografie des Händel-Fachkollegen Gardiner bald eingeholt haben. Jahr um Jahr zu Pfingsten führt Martini mit seinem Barockorchester Frankfurt (auf Originalinstrumenten) und seiner Jungen Kantorei ein anderes Händel-Oratorium auf, die Händel-Wallfahrt in den Rheingau nach Kloster Eberbach gehört für viele Frankfurter längst zum Pflichttermin. Letztes Pfingsten gab es dort das frühe Händel-Werk L'Allegro, il Penseroso ed il Moderato zu hören, ein merkwürdig unaufgeregtes Oratorium. Gardiner, das nur am Rande, schätzt dieses Werk nicht weniger als Martini, er dirigierte es einige Monate später am gleichen Ort, als Abschlusskonzert des Rheingau Musik Festivals.

HWV55 kommt ohne allen opernhaften Schmiss aus. Verglichen etwa mit Deborah, wo Tyrannen an Zeltböden genagelt werden dürfen, oder Saul, wo die Opfer in Zehntausenden addiert werden, geht es hier friedlich und luftig zu – klanglich und dramatisch ein Unterschied in etwa wie zwischen Cappuccino mit fetter Sahne oder mit geschäumter Milch. Das zarte Gewebe namens L'Allegro, il Penseroso ed il Moderato ist jetzt als Live-Mitschnitt auf einer Doppel-CD erschienen, mit einem erstklassigen Solistenquartett, in dem die kanadische Sopranistin Linda Perillo am meisten beschäftigt ist.

Es geht, am Titel kann man sich's zurechtlegen, um die Charakterfrage. „Der Heitere, der Nachdenkliche und der Gemäßigte“ disputieren miteinander, ob man mit barocker Sinnenfreude oder doch eher mit puritanischem Ernst richtiger liegt im Leben. „Fort, verhasste Melancholie, immerdar sollst du in der finstren cimmerischen Wüste hausen“, singt Allegro; „fort, eitle, trügerische Freuden, Brut der Torheit, vaterlos gezeugt!“ giftet Penseroso zurück – über gut zwei CD-Stunden bleibt die Auseinandersetzung schön offen und herrlich musiziert. Wer übrigens nicht wissen sollte, wo die cimmerische Wüste genau liegt: Joachim Martini hat wieder ein 80-seitiges Beiheft geschrieben, wo alleine auf 13 Seiten „Fußnoten zum Libretto und zur Übersetzung“ alle diesbezüglichen Frage umfassend geklärt werden.

Georg Friedrich Händel, „L'Allegro, il Penseroso ed il Moderato“, Live-Mitschnitt des Konzerts vom 19. Mai 2002 in Kloster Eberbach. Die 2-CD-Box kann zum Preis von 30 Euro bei der Jungen Kantorei bestellt werden: Tel./Fax: 06691/3288.

Frankfurter Rundschau vom 5. März 2003
Stefan Schickhaus