Die Verschmähte schickt alle Ungeheuer der Hölle

Das Barockorchester Frankfurt mit einer Aufführung von Händels Oper „Amadigi di Gaula“ im Palmengarten

Luzifer ist ein gefallener Erzengel; das Böse kein statisch Seiendes, vielmehr ein Gewordenes. Doch die vorgeblich zivilisierte Menschheit lernt nur langsam, gibt der holzschnittartigen Abgrenzung des Guten gerne den Vorzug. Der Magierin Melissa bleibt solch undifferenzierte Beurteilung erspart. Die von ihr eingesetzten Mittel sind nicht zu billigen, ihr Handeln verwerflich. Dem ihre Liebe verschmähenden Ritter Amadigi droht sie ohne viel Federlesens sogleich eine volle Breitseite an: „Tutti i mostri d’inferno, tutte l’arpie più sozze. Cerbero, furie, fuoco, e fiamme appresta.“ („Alle Ungeheuer der Hölle, alle Harpien. Den Cerberus, die Furie, Feuer und Flammen.“) In Georg Friedrich Händels Oper „Amadigi di Gaula“ verbindet sich ihr Auftritt bevorzugt mit bedrohlichem Donnergrollen, hinter dem ihr Beweggrund bezwingend hindurchschimmert: Liebe.

Joachim Carlos Martini und sein Barockorchester Frankfurt haben das recht lange Werk für eine Aufführung im Festsaal des Palmengartens für eine konzertante Aufrührung reaktiviert. Martini wußte den an gegensätzlichen Affekten gesättigten Gehalt überaus plastisch herauszuarbeiten, ließ dabei der von der Sopranistin Elisabeth Scholl wirkungsvoll dargestellten Zwiespältigkeit Melissas besondere Sorgfalt angedeihen. Der von David Cordier* mit klarer Altstimme dargestellte Titelheld mochte ebenso ein Wechselbad der Gefühle erleben wie der vom Kampfgefährten zum Nebenbuhler mutierende Dardano (Ewa Wolak)* oder die von beiden angebetete Oriana (Linda Perillo). Doch als geradlinig gezeichnete Charaktere zerfielen sie niemals in sich selbst.

Ruth Fühner kommentierte das Bühnengeschehen zwecks Kompensation der fehlenden Inszenierungsmöglichkeiten und verwies dabei ebenfalls auf die komplexe Funktion Melissas. Einerseits verhindert sie als dramaturgisches Mittel zum Zweck das vorzeitige lieto fine, doch avanciert sie dabei zur zentralen Figur, als das an sich edelste Gefühl sie nach der Ablehnung von Amadigi zum Monster werden läßt. Doch als sie stirbt, freut sich niemand so recht. Man hat Mitgefühl mit der „Unglücksseligen“, deren Motive alle Anwesenden nur zu gut nachvollziehen können. Martini wußte diese humane Botschaft durch Händels Musik suggestiv zu vermitteln, indem er die sprachähnliche Qualität musikalischer Motive zur Exegese der Bühnenhandlung heranzog. Keine Höllenfahrt also wie bei Don Giovanni, vielmehr ein langes Ringen des Menschen mit sich selbst, an dessen Ende ein gewisser Orgando (Christine Wolff) als Deus ex machina alles zum Guten wenden darf. Das im Finale vom Kammerchor der Jungen Kantorei ergänzte Barockorchester und die Solisten zeigten angesichts einer Aufführungsdauer von annähernd vier Stunden kaum nennenswerte Schwächen, begeisterten mit einer unbändigen Musizierlust, die das Publikum zu guter Letzt mit stehend dargebrachten Ovationen honorierte.


* Bei der Besetzung irrte der Rezensent: Die Partie des Titelhelden Amadigi wurde von Ewa Wolak (Alt) gesungen, den Dardano sang David Cordier (Altus).

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5. November 2002
Benedikt Stegemann