Eine zwar konzertante, aber durch Regisseur-Sachverstand doch szenisch aufgewertete Darbietung sollte es werden - die Frankfurter Erstaufführung von Georg Friedrich Händels Amadigi di Gaula, die Joachim Carlos Martini im Festsaal des Palmengartens dirigierte. Aber wie konnten Händels zünftige Gefühlsirrungen der drei edlen jungen Leute, die sich im Zauberreich Melissas in Eifersucht verstricken, auf dem dürftigen Podium in der Festsaal-Atmosphäre des Palmengartens zwischen 50er-Jahre-Schick und postmodernen Gründerzeit-Accessoires entfaltet werden? Durch Kostüme, durch raumgreifende Aktion der Solisten, durch Statisterie-Beilagen oder Farb- und Bildprojektionen? Tom Kühnel, Regisseur am TAT, war mit der szenischen Bearbeitung betraut worden und das Ergebnis hätte demonstrativer nicht ausfallen können: hier war einfach nichts zu machen.
Lediglich die Entscheidung zwischen Rock und Hose bei den Solisten dürfte werkspezifisch gewesen sein, denn von den drei Hosen-Trägern waren zwei weiblichen Geschlechts und selbst der einzige Mann im Beinkleid sang einen so bezaubernden Countertenor, dass bei geschlossenen Augen die gesamte Händelsche Solistenwelt aus streitenden, betörten und resignierten Männern und Frauen von Rock bis Hose auf Weiblichkeit eingestellt schien.
David Cordier ist der Name des Kopfstimmen-Könners, der fraglos zur Spitze seines Fachs zählt und obendrein die besten mimischen Ansätze für eine inszenatorische Händel-Lösung bot. Das Spiegelbild dieses transvokalen Talents aus Großbritannien war Ewa Wolak aus Polen, die keinen dunklen Hosenanzug gebraucht hätte um das schwärzeste Timbre des Abends zu beglaubigen. Phänomenal war der in ungeahnten Tiefen sich bewegende Alt, dem der silberhelle, wohlartikulierte Sopran Linda Perillos als Extrempunkt am anderen Ende der Stimmskala entsprach. Mit klarer Tongebung kam schließlich als - alle Verwirrungen barocker Affekten-Mechanik beendender - Deus ex machina noch Christine Wolff ins Spiel mit sportlichem Hell-Dunkel-Dress. Das verwirrende Ohren- und Augenwechselspiel von Händel/Martini war perfekt: hier gab es nur leichte Jungs und schwere Mädchen.
Ganz dem philanthropisch gesonnenen Dirigenten gemäß muss es gewesen sein, dass ausgerechnet der bösen Zauberin Melissa die bewegendste Stimme anvertraut war. Seit langer Zeit schon beschäftigt sich der baldige Bundesverdienstkreuzträger Martini mit den Oratorien, Kantaten und sonstigen Produkten aus dem Hause Händel, in denen er viel guten Willen für Friede und Freundlichkeit unter den Menschen am Werke sieht. Elisabeth Scholl in würdiger, purpurfarbener Garderobe bestach mit ihrem sublimen, warm-runden Sopran, der gleich zu Beginn der vier Händelstunden mit der Arie Ah! Spietato einen Legatobogen spannte, der das Monster humanisierte und das Böse ins Boot aller liebebedürftigen Wesen aufnahm. [...]
Frankfurter Rundschau vom 5. November 2002
Bernhard Uske