Als ein Chor der Jungen und Junggebliebenen präsentierte sich die 1965 ins Leben gerufene „Junge Kantorei“ in der Basilika von Kloster Eberbach. Chorleiter Joachim Carlos Martini widmet sich mit ungebrochener Vitalität seiner Chorarbeit, wobei seit Jahren ein Schwerpunkt seines Wirkens auf der quellengerechten Erschließung der Oratorien Georg Friedrich Händels liegt. Eine wichtige Rolle kommt bei den Aufführungen dem von der Geigerin Judith Freise als Konzertmeisterin angeführten Frankfurter Barockorchester zu. Das Ensemble besteht aus Musikerinnen und Musikern, die sich auf die historische Aufführungspraxis spezialisiert haben und aus ganz Europa für die Projekte der Jungen Kantorei zusammenkommen.
In diesem Jahr war es das Oratorium „Deborah“ (HWV 51), das in den Mauern der Eberbacher Basilika erklang. Grundlage ist ein Text von Samuel Humphreys nach einer Episode aus dem „Buch der Richter“: Von der Seherin und Richterin Deborah holen sich die Israeliten den Freibrief für den Aufstand gegen die Kanaaniter. Die eigentliche Heldin dieser Geschichte indes ist nicht Deborah, sondern Jaël, die mit einer der wohl grausigsten Bluttaten der Bibel den entscheidenden Schlag führt. Mit einem schweren Hammer treibt sie dem geflohenen und nun vor Erschöpfung schlafenden Anführer der Kanaaniter einen Nagel durch den Kopf und heftet ihn so an den Boden.
Mit der Sopranistin Elisabeth Scholl erlebte man eine stimmtechnisch souveräne, kraftvolle Verkörperung der Titelpartie. Wie ihr Bruder, der Countertenor Andreas Scholl, sang sie übrigens als Chor-„Bub“ in ihrem Heimatort Kiedrich. Barak, der Anführer der Israeliten, dem der Altus Lawrence Zazzo ein wenig den Touch des Softies verlieh, dem sein Vater, der Priester Abinoam (Jelle S. Draijer, Baß), noch kräftig Mut zusprechen muß, stand dazu in leicht ironischem Gegensatz. Übertroffen wurde diese Pointe durch die Konfrontation der feminin getönten Männerstimme mit der gewaltigen Tiefe der mächtigen, beinahe männlich timbrierten Stimme der polnischen Altistin Ewa Wolak in der Rolle des Sisera, des Anführers der Kanaaniter. Die Sopranistin Natacha Ducret hörte man in der Partie der wehrhaften Jaël und den Tenor Knut Schoch als Herold der Kanaaniter. Sie rundeten das Bild von einem hervorragenden Solistenensemble ab.
„Deborah“ ist ein „Pasticcio“: Viele seiner Musiken bestehen aus Sätzen schon früher komponierter Werke. Vollends klar wurde dies wohl, als schließlich die Sätze „La Paix“ und „La Réjouissance“ aus der „Music for the Royal Fireworks“ erklangen. Trotz etwa drei Stunden reiner Spielzeit und einer großzügigen Pause wurde die Zeit nicht lang: Das ist nicht zuletzt das Verdienst des gut präparierten Chores und des ebenso imposanten wie agilen Orchesters.
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25. Mai 1999
Joachim Wormsbächer