Mit Hammer und Nagel

Diesmal „Deborah“: Das Pfingstkonzert der Jungen Kantorei

Kleine Bibelkunde mit der Jungen Kantorei, regelmäßig zu Pfingsten in Kloster Eberbach. Und wie immer mit Händel, dem zu fast jeder biblischen Gestalt, die mehr als 10 000 Menschen getötet hat, ein Oratorium einfiel. Diesmal Deborah. Im alttestamentarischen Buch der Richter ist die Geschichte der Prophetin Deborah zu finden, die zusammen mit dem Kriegsherrn Barak einen Kampf um Autonomie und kulturelle Eigenständigkeit führt, gegen Sisera, der sich von den Guten erst einmal dadurch unterscheidet, daß er und die Seinen dem Baal-Kult angehören – Grund genug für einen gerechten Krieg.

„Angst und Schrecken“, diese Reaktionen wurden bei Joachim Martini während der intensiven Auseinandersetzung mit dem Stoff und Händels darauf basierendem Oratorium HWV 51 ausgelöst. Der hatte die verschiedenen Quellen dieses kaum je komplett gespielten Werkes sortiert und es mit seiner Frankfurter Jungen Kantorei einstudiert, zum traditionellen Pfingstkonzert wieder einmal eine Rarität, und wieder in Referenz-Qualität musiziert.

Deborah ist ein eigenwilliges Oratorium. Musikalisch unterscheidet es sich nicht groß von den zahllosen Schwesterwerken Händels: Virtuose Da-Capo-Arien, emotionsvolle Chorsätze, einige herrliche Duette. Doch die Unerbittlichkeit des Textes weist ihm – mag sein, erst jetzt in Zeiten eines Balkankrieges mit seinen ähnlich klingenden Legitimationsansätzen – doch eine Sonderrolle zu. Da will man einfach nicht so recht mitfeiern mit den jubelnden Israeliten, nachdem eine gewisse Jaël den flüchtenden, vor Erschöpfung eingeschlafenen Kriegsherrn Sisera an den Zeltboden genagelt hatte – mit einem „Workman's Hammer and a Nail“, durch die „blutig zerberstenden Schläfen“. Heldentum, alttestamentarisch.

Da kann man es schon fast als Kommentar verstehen, wenn in der abschließenden Instrumental-Sinfonie "La Réjouissance – Das freudige Entzücken" die schmetternden Barocktrompeten einige schrill-falsche Töne untermischen, endlich die Brüchigkeit, die Händels Zeit so gar nicht als nötig ansah. Passende Fehlfarben hier, allerdings keineswegs repräsentativ für das generelle Niveau dieser „Deborah“-Reanimation. Das war nämlich ganz hervorragend hoch, insbesondere das der Solisten – und hier allen voran Elisabeth Scholl (Deborah) mit ihrem so energiegeladenen, herrischen Sopran und der junge amerikanische Countertenor Lawrence Zazzo (Barak), dessen Alt dagegen um soviel weicher klang, weit femininer selbst als die faszinierend dunkle Altstimme der Polin Ewa Wolak (Sisera).

Joachim Carlos Martini hatte seinen Chor und das Barockorchester Frankfurt, dieses eigens zur Kantorei-Ergänzung gegründete deutsch-holländisch-englische Originalinstrumente-Ensemble, wieder bestens präpariert. Das Orchester war wie üblich überreich mit Continuo-Farbmöglichkeiten ausgestattet, Laute, Theorbe, Orgel, zwei Cembali, Fagott, Gambe, alles, was das Herz zur abwechslungsreichen Illustration begehrt. Einige kleine Unstimmigkeiten gab es im polyphonen Geäst, auch bei der Kantorei selbst. Doch die stören allenfalls die Tonmeister, die auch dieses Pfingstkonzert wieder – für „Naxos“ und deren hochgelobte Martini-Händel-Reihe – mitgeschnitten haben.

Frankfurter Rundschau vom 26. Mai 1999
Stefan Schickhaus