Fest der schönen Stimmen

Händels „Deborah“ mit der Jungen Kantorei im Kloster Eberbach

Eine Geschichte voller Leid, Tod und Tränen ist diese Ge-schichte um die alttestamentliche Richterin Deborah aus dem Freiheitskampf der Israeliten gegen die Kanaaniter. Eingebunden in der Figur der Jaël eine der grausamsten biblischen Mordtaten. Zu diesem wüsten Stoff schuf Händel in seinem Londoner Erfolgsjahr 1733 eine Partitur, die überquillt an instrumentaler Farbigkeit und melodischem Einfallsreichtum. Eine Partitur aber auch, die von Aufführung zu Aufführung durch Abänderungen und Einschübe verändert wurde und letztlich nur bruchstückhaft überliefert ist. Aus den verschiedenen Vorlagen erstellte Joachim C. Martini nun eine eigene Fassung, die durch ihre Schlüssigkeit überzeugte. Es ist eine Fassung, die nicht nur den opernhaft dramatischen Grundzug dieses Oratoriums unterstrich, sondern durch Hereinnahme einzelner späterer Werke Händels dem musikgeschichtlichen Aufführungsbrauch ziemlich nahe kam.

So wurde die Wiedergabe des heute selten zu hörenden Werkes anläßlich des traditionellen Pfingstkonzertes der Jungen Kantorei in der gutbesuchten Basilika des Klosters Eberbach zu einer packenden und authentischen Interpretation. Großen Anteil hatte hier das Barockorchester Frankfurt, in historischer Stimmung spielend, mit herausragenden solistischen Einzelleistungen vor allem der Bläser. Mit großem Einfühlungsvermögen wurden hier Chor und Solisten begleitet, kleinste dynamische und agogische Bewegungen hervorgehoben. Ein Orchester nicht des großen rauschhaften Klanges, vielmehr des Mitgestaltens und der geradezu kammermusikalischen Intensität.

Nach anfänglichen kleinen Unstimmigkeiten stand der Chor der Jungen Kantorei hier nicht nach. Gut durchhörbar in den polyphonen Passagen, überzeugte er durch große klangliche Ausgewogenheit und Präzision. Im Vordergrund stand nicht unbedingt Brillanz, sondern ein warmer Gesamtklang, wie ihn die relativ tiefe Stimmung ermöglichte und der bis in die dramatischen Partien nachwirkte. Mit großer Umsicht hatte Martini seine Solisten ausgewählt und im Sinne einer Klangdramaturgie eingesetzt. So stand dem schlackenlosen Sopran der Deborah Elisabeth Scholls die leicht unruhige Stimme Natacha Ducrets als Jaël gegenüber. Von großer Eindringlichkeit der Altus Lawrence Zazzo als Barak mit geradezu szenischer Gestaltung. Voluminös und mit metallener Tiefe die Altistin Ewa Wolak. Imponierend der schlanke Tenor Knut Schochs und der baritonal gefärbte Baß von Jelle S. Draijer. Perfekte Koloraturen und dezente Verzierungstechnik in den da capo-Teilen unterstrichen den Rang dieses Solistensextetts wie der Gesamtaufführung unter der Leitung Joachim C. Martinis.

Wiesbadener Kurier vom 26. Mai 1999
Friedhelm Eschenauer