Das Thema ist älter als das Alte Testament und bis heute auf blutige Weise aktuell: Ein Volk kämpft um seine ethnische, kulturelle, religiöse Identität. Dem Freiheitskampf des Volkes Israel galt immer wieder das Interesse von Georg Friedrich Händel vier seiner Oratorien stellen diese Thematik ganz dezidiert ins Zentrum der dramatischen Auseinandersetzung. In Händels Oratorium „Deborah“ wird das Freiheitsstreben von einer starken Frauenpersönlichkeit initiiert von der Titelfigur, der alttestamentarischen Prophetin und Richterin. Als Sprachrohr Gottes verkündet Deborah, daß der junge Feldherr Barak vom Herrn auserkoren sei, den Kampf gegen die kanaanitischen Unterdrücker aufzunehmen. Was folgt, kennt man so ähnlich auch aus den Nachrichten: Vorgeschobene Verhandlungsbereitschaft der Besatzermacht, falsche Versprechungen, gegenseitige religiöse Diffamierungen, welche die Kampfeslust weiter erhitzen.
Eine schöne, künstlerisch außerordentlich begrüßenswerte Tradition ist es inzwischen geworden, daß die von Joachim C. Martini geleitete Junge Kantorei und das Frankfurter Barockorchester zu Pfingsten mit einem Händel-Oratorium in der Heidelberger Peterskirche gastieren. Nun also „Deborah“ in einer Aufführung, die in einem wundervoll transparenten Klangbild helles Licht ins kriegerische alttestamentarische Dunkel brachte.
In der Art eines Pasticcio hat Händel seine Partitur zusammengestellt, griff dabei auf Musik aus früher entstandenen Werken zurück. Eine historisch-kritische Ausgabe existiert nicht, das Oratorium gibt es in verschiedenen Fassungen der Dirigent Joachim C. Martini hat seine eigene Fassung erstellt. Passend zum kriegerischen Thema hat Händel „A Grand Military Symphony“ zu Beginn des 3. Aktes vorgesehen. Da diese Noten aber nicht überliefert sind, hat sie der Dirigent durch die „Martial Symphony“ aus dem „Belsazar“ ersetzt. Wuchtig donnernd, streitkräftig entflammt waren diese Kriegsmusik und die Ouvertüre zum ersten Akt in jedem Falle mit entschieden schmetternden Pauken und Trompeten und kräftig akzentuierter Siegeshymnik.
Von wundersamer Wirkung waren immerzu auch die eigenartigen harmonischen Rückungen des Chores, sobald Gott zur Sprache kam. Erhebende, ja richtiggehend abhebende Klangwirkungen, harmonische Entrückung zeitigte der Gottesname. Eindringliche Chornummern, wie das in dunkler Chromatik gewundene „Doleful Tidings, How Ye Wound“ wußte die Junge Kantorei mit großem Gespür für samtige Schattenwirkungen umzusetzen. Verschiedensten Gruppierungen, Israeliten und den Baals-Priestern lieh der Chor seine Stimme, sang mit bester Balance aus expressiver Biegsamkeit und straffer Aufgerichtetheit. Geschmeidig gestaffelte und homogen gefügte Farbenpalette setzte der Chor um in den homophonen Sätzen, blieb vorbildlich klar konturiert in den polyphonen Partien.
Großartige Solisten von internationalem Renommee gaben der Aufführung ebensoviel Glanz wie Eindringlichkeit. Daß jede der Figuren in den Rezitativen mit der Begleitung einer je unterschiedlichen Kombination von Continuoinstrumenten eine individuelle Farbigkeit zugesprochen bekam, verlieh dieser Interpretation einen ganz besonderen Reiz. Die junge Sopranistin Elisabeth Scholl sang die Titelpartie wunderbar intensiv, verband eine schöne Leuchtkraft mit großer Lockerheit in den reichgeschwungenen Koloraturen. Betörte mit irisierend sublimen Pianissimotönen ihres erlesen farbenreichen, edel schillernden Soprans ebenso sehr, wie sie ihrer prophetischen Entschiedenheit flammende Kontur gab. Vollendete Legatokultur und erlesene dynamische Differenzierungskünste gingen dabei eine herrliche Einheit ein. In Übereinstimmung mit seiner Partie des jugendlich-knabenhaften Barak sang der Altus Lawrence Zazzo schön biegsam und weich, mit lieblich lyrischem, durchaus kostbarem Timbre. Den virtuosen Koloraturenschwung seiner Kampfesarie „All Danger Disdaining“ brachte er fein zum Glühen, an kräftiger Attacke fehlte es seiner Stimme dabei.
Eine fabelhafte Vorstellung lieferte die junge polnische Altistin Ewa Wolak in der Partie des Sisera, des kanaanitischen Heerführers. Betörend farben- und ausdrucksintensiv ist ihre Stimme, nachtdunkel flammend, volumenreich und überaus charakterstark. Liebliche schöne Färbung ließ die Sopranistin Natacha Ducret als Jaël hören, in geschmeidiger Natürlichkeit schwang ihr Organ zu entflammten Visionen. Prägnant, gepflegt, aber auch etwas handzahm seinen Zorn besingend: der Abinoam des Bassisten Jelle S. Draijer. Mit überaus ansprechendem Timbre und eingebungsvoller Gestaltung sang der Tenor Knut Schoch die Partie des Boten und Priesters.
Erregend ließ Joachim C. Martini die Allegro-Arien begleiten, brachte mit explosiven Akzenten überaus starke Dramatik in die Aufführung. Sehr reaktionsstark, druckvoll sonor die barocke Klangrede umsetzend, tänzerische Schwungkraft aktivierend, musizierte das Frankfurter Barockorchester auf seinen historischen Instrumenten - wunderbar warm die Naturhörner, mit herrlichen Holzbläsern und seidig-sonoren Streichern.
Rhein-Neckar-Zeitung vom 27. Mai 1999
Rainer Köhl