Saftvolles Schlachten

Händels Oratorium „Deborah“ im Kloster Eberbach

„O Barak, Auserwählter, der Himmel will durch deinen Arm sein Volk erretten“, und die Israeliten stimmen mit Jubelchören ein. Keine Momentaufnahme aus der israelischen Tagespolitik ist dies, nicht der neue Premier Barak, sondern ein viel älterer Hoffnungsträger wird da gefeiert: Barak, Kriegsherr alttestamentarischer Zeit, der von der Prophetin Deborah ausersehen wird, die ungläubigen Baal-Jünger zu eliminieren. Unschöne Geschichte, mit Nägeln durch Schläfen und vielen tausend Toten.

Georg Friedrich Händel aber liebte es deftig, wenn es um Oratorien-Stoffe ging. Und so wurde auch „Dehorah“ ein solches, wenn auch keines, das in der musikalischen Tagespolitik von heute noch eine Rolle spielt – und damit ist es genau die richtige Folie für Joachim Martini, den Leiter den Frankfurter „Jungen Kantorei“: Er sucht sich für seine Pfingstkonzerte in Kloster Eberbach im Rheingau immer Material aus, das gewissermaßen unbehauen ist, nicht in einer aufführungspraktischen Form vorliegt. Auch bei „Deborah“ durfte Martini wieder rekonstruieren, quellenforschen, nach eigenem Geschmack und Gespür anreichern und ausstatten. Und wieder kam ein höchst lustvolles, nie gehörtes Händel-Oratorium dabei heraus, mit Schlachtenmusiken bebildert, mit Zusatz-Arien ausstaffiert. Die zeitliche Ausdehnung dieser Pfingstkonzerte ist enorm, der musikalische Ertrag auch.

Joachim Martini vergißt nämlich über all der quellenkundlichen Arbeit, über dem Verfassen eines knapp 80seitigen (!) Programmheftes einschließlich talmudischer Exegese und lückenloser Literaturliste, nicht das saftvolle Musizieren. Die „Junge Kantorei“ etwa stiftet er zu einem überaus farbigen Singen an, die Glaubensunterschiede etwa – hier die edel-harmonierenden lsraeliten, dort die dumpf repetierenden Baal-Priester – werden so extrem plastisch. Martinis „Barockorchester Frankfurt“, ein Originalinstrumente-Ensemble aus hauptsächlich holländischen und englischen Namen, ist dazu derart üppig mit Continuo-Instrumenten besetzt, daß sogar so etwas wie eine Dramaturgie in deren Zuordnung zu den einzelnen handelnden Charakteren möglich ist: Deborah mag dadurch noch resoluter, Barak noch sanfter wirken. Ein letzter Akzent war dieser Kunstgriff, denn mit der Wahl der Solisten war an sich schon alles entschieden. Denn für den Part der Deborah, dieser entscheidungsgewaltigen Frauengestalt des biblischen „Buches der Richter“, hatte Joachim Martini die Sopranistin Elisabeth Scholl verpflichtet: eine ungemein starke, beinahe maskuline Stimme, makellos schön dazu. Barak dagegen; gesungen vom jungen amerikanischen Countertenor Lawrence Zazzo, klang ganz weich und hell, ein durch und durch femininer Alt.

Und wenn dazu noch Sisera auftritt, der Feldherr des feindlichen Lagers, wird die Stimmcharakterisierung perfekt: Die polnische Altistin Ewa Wolak sang sie, und zwar mit einem derart dunklen Organ und einem solch enormen Ambitus, daß die Mann-Frau-Verteilung endgültig kippen muß. Die Schweizer Sopranistin Natacha Ducret, der Tenor Knut Schoch und der ganz baritonale Baß des Holländers Jelle S. Draijer ergänzten die Solistenaufstellung, ein echtes Referenz-Ensemble.

Damit diese regelmäßigen Puzzlestücke musikgeschichtlicher Aufarbeitung nicht auf das jeweilige Pfingsten beschränkt bleiben, kam es vor einigen Jahren zu einer Zusammenarbeit mit dem CD-Label „Naxos“. Die prächtig geratenen Händel-Oratorien „Saul“ und „Athalia“ sind dort bereits erschienen, der „Trionfo del Tempo e della Verità“ des letztjährigen Pfingsten erscheint demnächst.

Main-Echo Aschaffenburg vom 31. Mai 1999
Stefan Schickhaus