Klagelieder aus alten Zeiten

Die Junge Kantorei in der Dreikönigskirche

Zum dritten Mal in jährlicher Folge setzte die Junge Kantorei ihre Reise durch Europa fort, immer auf der Spur einer Musik, die längst in Gefahr ist, vergessen zu werden. Diesmal war England an der Reihe, dem ersten Teil der fast zweistündigen Reise soll zu Beginn des nächsten Jahres ein zweiter folgen. Das 48-seitige Programmheft ist wie stets das Ergebnis einer umfassenden Recherche und schon wegen seiner bibliographischen Hinweise ein bedeutsames musikwissenschaftliches Juwel. Es gehört (wie die vorangegangenen) in den Bücherschrank als kompetentes Nachschlagewerk. Autor Joachim C. Martini scheint hier eine Ausgleichsbeschäftigung für seine fast allabendlichen Proben mit den (Teil-)Chören in Bonn, Frankfurt, Heidelberg und Marburg gefunden zu haben, die er bis zum Konzerttermin durch intensives Proben wieder einmal alle auf das für die Junge Kantorei selbstverständliche hohe Niveau gebracht hat.

Ihm zur Seite das Instrumentalensemble La Fantasia mit Judith Freise als Primaria und aus Den Haag ein Gamben-Ensemble mit dem beeindruckenden Namen The Spirit of Gambo, zu dem auch noch eine mehrere Meter lange Theorbe trat, deren Spieler Jan van Outryve zur Abwechslung des öfteren zur Laute griff.

Die Sopranistin Elisabeth Scholl mit ihrer glasklaren, leuchtend-warm timbrierten Stimme bildete einen bezaubernden Kontrast zur voluminösen, mit unglaublicher Tiefe ausgestatteten Ewa Wolak, beide Damen nicht nur makellos intonierend, sondern auch in der Welt der Alten Musik mit stupender Sicherheit agierend. Als Moderator in der Mitte der Instrumentalisten sitzend Rien Voskuilen, diesmal nur ein kleines Portativ bedienend, inspiriert und inspirierend wie immer.

Martini achtet darauf, dass die Werke bekannterer Komponisten, wie Byrd, Dowland, Gibbons, Purcell und Tallis mit denen unbekannterer kontrastieren, wobei immer wieder festzustellen ist, dass der Bekanntheitsgrad des Namens doch nichts über die Qualität eines Werks aussagt.

Dass die Begeisterung in der wie üblich voll besetzten Kirche nicht solche Wellen schlug wie bei anderen Konzerten der Jungen Kantorei, konnte bei solcher Perfektion der Darbietung auf allen Ebenen nur noch einen Grund haben: Obwohl – dem Text nach – auch Lieder der Freude in der Programmfolge standen, überwog doch die Trauer, in der Wirkung verstärkt durch alte Tonarten und deren Harmonisierung. Vielleicht hätten ein paar gesprochene Worte geholfen, die Stimmung aufzuhellen.

Frankfurter Rundschau vom 18. Januar 2000
Klaus K. Füller