Die Musiker auf der Bühne stimmen sich zum wiederholten Mal ein. Allgemein tun sich Streichinstrumente in der winterlichen Kälte schwer, die Stimmung zu halten. Doch hier liegt der Fall anders: die Saiten sind aus Darm und die Instrumente hochempfindlich. Denn beim Konzert in der Frankfurter Dreikönigskirche handelt es sich um Barockinstrumente: Gamben und Barockviolinen. Die Junge Kantorei war so der Titel des Abends „Auf der Suche nach dem verlorenen Klang“ und wurde in England fündig. Als Komponisten der „Renaissance“, wenn man diesen kunstgeschichtlichen Terminus auf die Musik übertragen will, wurden bekanntere Vertreter wie William Byrd, John Dowland sowie Henry Purcell ausgemacht, aber auch Werke von Thomas Preston oder William Lawes kamen zu Gehör.
Die seit 35 Jahren bestehende Junge Kantorei wurde auf ihrer Zeitreise vom 16. Jahrhundert ins frühe Barock von neun Musikern der Barock-Ensembles La Fantasia und The Spirit of Gambo unterstützt. Die Gruppe, die französische siebensaitige Gamben, das Cembalo, Laute und Barockgeigen spielte, zeigte sich trotz des kurzfristigen Ausfalls zweier Mitglieder relativ gut aufeinander abgestimmt.
Eine sichere und durchdachte musikalische Leitung bewies Joachim C. Martini. Er hielt die etwa 70 Sänger an, präzise und als Stimmen eigenständig zum Beispiel achtstimmig in „God is gone up with a merry noise“ zu agieren. Keine Gefühlsausbrüche waren gefragt, sondern Gefühl. Anstelle von Dramatik zeichnete feinsinniges Agieren die Darbietung aus. So passte Martini der nicht zuletzt durch ein ausführliches Programmheft demonstrierte, dass ihm die musikhistorischen Hintergründe am Herzen liegen die Lieder auch aufführungspraktisch in den geschichtlichen Kontext ein.
So wirkte das Konzert keinesfalls monoton, weil ein anschaulicher Gang durch die Zeit unternommen wurde, der eine Entwicklung aufdeckte: das Fortschreiten von der linear ausgerichteten Polyphonie der Renaissance zu einer Musik mit breitem Tonumfang. Dabei wurden die Stimmen immer eigenständiger vor allem die Bass-Stimme erschien am Schluss beinahe greifbar zu sein.
Die beiden Solistinnen Elisabeth Scholl und Ewa Wolak, die beide nicht zum ersten Mal mit der Jungen Kantorei auftraten, verliehen dem Konzert eine weitere besondere Note. Kontrastreich wirkten die Stimmen im Duett „The Lamentations of Jeremiah“. Aber auch solistisch wussten die beiden Sängerinnen mit einem dunklen Alt und einem ausdruckskräftigen Sopran die Arien ins rechte Licht zu rücken.
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20. Januar 2000
Katrin Schroth