Diejenigen, die ihren Christbaum noch im alten Jahr vor die Türe setzen, gehören wohl nicht zu Joachim Martinis Zielpublikum. Der Leiter der Frankfurter „Jungen Kantorei“ veranstaltet sein Weihnachtskonzert immer erst in der postweihnachtlichen Zeit zwischen Dreikönig und Mariae Lichtmeß, dem offiziellen Verschrottungstermin für geschmückte Nadelbäume. Und auch da fällt er aus dem Raster der üblichen ritualisierten Weihnachts-Erwartungshaltungen: Martini bedient seine Hörerschaft zur späten Zeit auch noch mit unbekannter Musik.
„Auf der Suche nach dem verlorenen Klang“ heißt dieses alljährliche Programm der „Jungen Kantorei“ in der Dreikönigskirche in Frankfurt-Sachsenhausen. Das Suchgebiet kreiste der immer auf Wiederentdeckungen bedachte Martini diesmal in Frankreich ein zur Zeit Ludwig XIV.: Bei Marc-Antoine Charpentier und François Couperin wurde er fündig, Barockmeister, die ihre Messen, Motetten und Instrumentalsätze zum Thema gerne auf sogenannten „Noëls“ volkstümlichen Weihnachtsliedern basieren ließen. Schlichte, eingängige Weisen eine gute Handvoll, nicht einmal sonderlich üppig verpackt , Charpentiers „Mitternachtsmesse" und Couperins „Quatre Versets d'un Motet“, klangen dadurch wie alte Bekannte und zudem auch noch nahe Verwandte. So viel Mühe sich Joachim Martini bei der sinnfälligen Zusammenstellung des Programms (und Programmheftes: immer mit Literaturliste!) macht, so gut hatte er auch wieder seine Kantorei und das Barock-Ensemble „La Fantasia“ präpariert. Die „Junge Kantorei“ gut 40 Sängerinnen und Sänger mit in der Tat jungen, frischen und agilen Stimmen war dieses Jahr sogar noch konzentrierter, aufgrund der überaus ansprechenden franko-weihnachtlichen Musik vielleicht auch noch motivierter als in den Jahren zuvor.
Nicht älter als die Kantorei durfte sich hier bei der Klangsuche in der Dreikönigskirche auch das Solisten-Quartett nennen: Durchschnittsalter nicht weit über dreißig, dabei eine Qualität im Aufgebot, von der sich gleich einige der jüngst in Frankfurt gastierenden Oratorien-Dirigenten eine gute Scheibe hätten abschneiden können Hogwood und Schneidt nicht ausgenommen.
Elisabeth Scholl war die Sopranistin, eine energische, volle Stimme führt sie. Peer Abilgaard, der Altus aus Kassel, zeigte bei der Charpentier-Messe seine besondere Stärke, wenn es darum ging, die seltene und noch seltener von Countertenören beherrschte Stimmlage des hohen Tenors auszufüllen. Der eigentliche Tenor war dann der wirklich exzellente Alte-Musik-Spezialist Knut Schoch, hier auch zuständig für die Intonationen der einzelnen Meß-Teile. Der Schweizer Stephan McLeod steuerte seinen immer angenehm hellen Baß bei.
Und auch „La Fantasia“, das Ensemble um die Barock-Geigerin Judith Freise und den unglaublich musikantischen Organisten Rien Voskuilen, war bei der 99er Klangsuche in Bestverfassung. Mit Voskuilen das kann schon für sich sprechen begann das Konzert sogar schon vor dem ersten Einsatz: Zum Einstimmen der Streicher einfach ein „A“ und einige Quarten und Quinten zu geben kommt ihm nicht in den Sinn. Er präludiert gleich mal ein wenig über die Stimmtöne, ein Ad-hoc-Vorspiel nur für seine Instrumentalisten.
Main-Echo Aschaffenburg vom 24. Januar 1999
Stefan Schickhaus