Das Oratorium „Gideon" ist neben „Nabal“ und „Tobit“ das dritte jener Händel-Smith Pasticci, die für rund 240 Jahre als verschollen galten: Unabhängig voneinander und etwa gleichzeitig entdeckten der amerikanische Musikwissenschaftler Richard G. King an der University of Maryland und Joachim Carlos Martini, der Leiter der Jungen Kantorei und Händel-Spezialist, vor wenigen Jahren die Manuskripte in der Handschrift von John Christopher Smith „The Younger“ (1712 bis 1795). In diesen drei Pasticci vertonte Händels Schüler und Assistent Texte des Händel-Librettisten Thomas Morell mit Arien und Chören aus Werken seines Meisters und Freundes und verband sie mit von ihm selbst komponierten Rezitativen und Accompagnati.
Das Libretto des „Gideon“ basiert auf einer biblischen Geschichte aus dem „Buch der Richter“. Gott gibt die wieder einmal von ihm abgefallenen Kinder Israels für sieben Jahre in die Hand der Midianiter. Ein Engel verkündet Gideon, ihm sei bestimmt, Israel zu befreien. Mit kluger Taktik bringt Gideon seine Landsleute vom Götzendienst ab. Den Freiheitskampf führt er mit menschlichem Erbarmen: Ohne Blutvergießen gelingt es ihm, die Midianiter in die Flucht zu schlagen ein Plädoyer gegen fanatischen Fundamentalismus, für Toleranz und Humanität.
In der Basilika von Kloster Eberbach erlebte man unter der Leitung Joachim Carlos Martinis eine jener für die Junge Kantorei so charakteristischen, von kollektivem Enthusiasmus getragenen Wiedergaben: Ein strahlender, stimmlich sehr ausgewogener Chor und ein bis auf wenige kleine Ausnahmen höchst zuverlässig agierendes Barockorchester Frankfurt boten eine verläßliche Basis für eine facettenreich elaborierte Wiedergabe. Ausgezeichnete Solisten trugen erheblich zu diesem Erfolg bei: In der Titelpartie war der Tenor Knut Schoch, die Partien der Israeliten wurden auf die Sopranistinnen Barbara Hannigan, Linda Perillo und Nicola Wemyss sowie den Altus David Cordier verteilt allesamt geschmeidige, ebenso souverän agierende wie individuell timbrierte Stimmen. Ausdrucksstark realisierte der Baß Stephan McLeod die Partien des Propheten, des Joash und des Baalspriesters.
Mit begeistertem, lang anhaltendem Applaus wurde nicht nur die Wiedergabe, sondern ganz offenbar auch die Person Joachim Martinis als Spiritus rector der gleichsam schon zur Tradition gewordenen Pfingstkonzerte der Jungen Kantorei gefeiert. Lobende Erwähnung verdient das auch in diesem Jahr hervorragend ausgearbeitete, bei aller Wissenschaftlichkeit und Akribie der Aufbereitung stets lesefreundlich gestaltete Programmheft, das den Hörer auch für die Zeit nach dem Konzert mit interessantem Lesestoff versorgt.
Eng verbunden mit der Geschichte der drei Partituren sind die Namen dreier bedeutender Humanisten: Georg Friedrich Händel, John Christopher Smith der Jüngere und Victor Schoelcher (1804 bis 1893). Händel löste mit Einnahmen aus seinen Konzerten Gefangene aus dem Schuldgefängnis aus und unterstützte Waisen. John Christopher Smith führte mit großem Engagement die Reihe der Londoner Waisenhaus-Konzerte fort und war Mitbegründer einer wohltätigen Gesellschaft, die für ins Elend geratene Musiker und deren Familien eintrat. Der hierzulande kaum bekannte französische Journalist, Musikologe und Politiker Victor Schoelcher kämpfte seit seiner Jugend für die Befreiung der Sklaven, für das allgemeine Wahlrecht, die Liberalisierung des Strafrechts, die Abschaffung der Todesstrafe und die Gleichberechtigung der Frauen. Nach der Februarrevolution von 1848 verfügte er als Präsident der „Commission de l'abolition de l'esclavage“ die Freilassung von mehr als zehn Millionen Sklaven in den französischen Kolonien. Schoelcher floh, da er am Widerstand gegen den Staatsstreich Louis-Napoleon Bonapartes beteiligt war, nach London, wo er sich intensiv mit dem Werk Händels beschäftigte. Neben der Musik beeindruckte Schoelcher die vom Geist der Aufklärung geprägte Persönlichkeit Händels. Er sammelte und analysierte verstreute Händel-Handschriften und schrieb mit seiner Arbeit „Vie de Haendel" die erste wissenschaftlich fundierte Biographie des Komponisten. Als er aus dem Exil nach Frankreich zurückkehrte, hatte er unter anderem die Smith-Handschriften der drei Pasticci „Nabal“, „Tobit“ und „Gideon“ im Gepäck, die er dem Pariser Nationalkonservatorium vermachte.
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11. Juni 2003
Joachim Wormsbächer