Johann Christoph Schmidt ist rehabilitiert. Schmidt, der sich nach seinem Umzug nach London Smith nannte, war dort der Sekretär des großen Georg Friedrich Händel, war sein Dirigent, Kopist und letztlich auch Erbe seines Gesamtwerks. Eigentlich war Smith auch Komponist, doch alle wollten immer nur Händels Musik hören. Darum gab er nach Händels Tod dem Volk das, was es haben wollte: Mehr Händel. Aus alter Händel-Musik stellte Smith drei neue Oratorien zusammen. Muss ein bisschen bitter gewesen sein, fürs eigene Ego.
Dank der Erstedition durch den Frankfurter Musikologen Joachim Carlos Martini und natürlich dank dessen hervorragenden Aufführungen der vergangenen Jahre jeweils zu Pfingsten in Kloster Eberbach konnte man diese nachgemachten Händel-Oratorien alle der Reihe nach kennen lernen. Pfingsten 2003 ging dieser kleine Zyklus nun zu Ende, mit Gideon, a new oratorio, wie es auf der Partiturhandschrift heißt. Joachim Martini dirigierte wieder seine Junge Kantorei und sein Barockorchester Frankfurt, jenes Spezialistenensemble auf alten Instrumenten, das im Grunde nur einmal im Jahr zusammenspielt, dies dann aber merkwürdig genug auf so außergewöhnlich hohem Niveau. Herrliche Rezitativfiguren gab es da, was aber nicht wundern musste, saß doch Ludger Rémy am ersten, Rien Voskuilen am zweiten Cembalo, beide Ornamentkoryphäen ersten Ranges. Doch zurück zu Smith, und warum er rehabilitiert ist.
Die Jahre zuvor, mit den Oratorien Tobit und Nabal stand uns John Christopher Smith als geschickter Einpasser von guter Musik gegenüber. Zum neuen Libretto hat er im Riesenberg der hinterlassenen Händel-Noten die passenden herausgesucht und mit eigenen Rezitativen aneinander gebunden. Diesmal aber, bei Gideon, mogelte er jede Menge eigene Zutaten mit hinein. Der halbe Gideon hieß früher einmal The Feast of Darius und war ein Smith-Misserfolg.
Im neuen Kontext aber, im direkten Vergleich zu Händel, gab es an den Smith-eigenen Partien rein gar nichts auszusetzen. Arien wie How sweet the rose oder Tis time, my sons waren echte Glanznummern, andere wirkten zumindest nicht konventioneller als jedes barocke Referenzmaterial. Ferner in Gideon enthalten: Das halbe Dixit Dominus, knapp die Hälfte der Neun deutschen Arien, etliche Resurrezione-Nummern unter dreieinhalb Stunden kommt man auch bei einem nachgemachten Händel-Oratorium nicht weg. Für den Fall von gefühlten Längen hatte Martini übrigens wieder ein 104-seitiges Programmheft vorbereitet.
Dem Chor hatte Smith ausschließlich Musik aus Händels frühen, italienischen Jahren in die Hand gegeben, und das war keine leichte Kunst. Die Junge Kantorei ging damit souverän um, wobei die sonst so auffallende Beweglichkeit dieses Frankfurter Chores nicht recht anspringen mochte. Vielleicht waren es mit seinen an die 120 Stimmen etliche zu viel, auf jeden Fall waren die Reaktionszeiten in den vergangenen Jahren ein wenig kürzer und die Chorfarbe ein wenig glänzender.
Einen Neuzugang gab es zu bewundern in der Solistenriege, neben den bewährten Kräften von David Cordier (grandios) bis Barbara Hannigan (seraphisch): Es war die schottische Sopranistin Nicola Wemyss, eine extrem angenehme Stimmerscheinung; hell und warm im Ton, markant und enorm vital, mit der Energie eines Mezzo und dennoch jeder beliebigen Höhe. Auch wenn die Pfingstkonzerte der Jungen Kantorei schon Tradition sind und selbst die entlegensten Händel-Oratorien damit vertraute Materie: Sie haben immer wieder überraschende Elemente parat.
Frankfurter Rundschau vom 11. Juni 2003
Stefan Schickhaus