Auch oder gerade? an das Beste gewöhnt sich der Mensch allzu schnell. Das war zur Zeit eines Georg Friedrich Händel nicht anders als heute. Damals verlangte das Publikum immer Neues aus der Hand des Meisters, und die Nachfrage stagnierte nicht selbst nach seinem Tod. So machte sich Händels Freund, Sekretär und Noten-Erbe John Christopher Smith the Younger daran, aus altem Material neue Oratorien zu bauen. Smith war zwar auch selbst Komponist, doch das Londoner Publikum war eben nun einmal an Händels Maßstab und guten Namen gewöhnt.
Die Macht der drohenden Gewöhnung kennt auch der Frankfurter Musikologe und Dirigent Joachim Carlos Martini. Seit etlichen Jahren führt er mit seinen beiden Klangkörpern, der Jungen Kantorei und dem Barockorchester Frankfurt, immer zu Pfingsten ein Händel-Oratorium in Kloster Eberbach im Rheingau auf. Immer ein anderes, die Auswahl ist groß genug und man hat sich an die enorm hohe Qualität dieser Aufführungen schon gewöhnt. Sogar Martinis Kunstgriff, nicht einen originalen Händel, sondern eines jener von John Christopher Smith neu zusammengestellten Bibelstücke auszuwählen, hat bereits eine kleine Tradition: Nach »Tobit« und »Nabal« stand in diesem Jahr zu Pfingsten mit »Gideon« das dritte der drei groß dimensionierten Smith-Zusammenstellungen auf dem Programm, zum ersten Mal nach 240 Jahren.
Martini hat alle drei sorgfältig ediert, hat erstmals sämtliche Quellen, aus denen sich Smith bedient hatte, ausfindig gemacht und hat damit sowohl musikologisch wie auch aufführungspraktisch wirkliches Neuland betreten. Doch Martini weiß, ganz in barocker Wesensart, auch immer etwas Neues zu bieten. Mitunter sind es nur Details, etwa was die Besetzung des deutsch-holländischen Barockorchesters angeht, das der Dirigent eigens für die Pfingstkonzerte formiert. Da saß in diesem Jahr neben Rien Voskuilen noch ein zweiter Großmeister der Continuokunst am Cembalo, der versierte Ludger Rémy, an sich ein gefragter Solist an seinem Instrument.
Mitunter aber sind es auch die Protagonisten, die neue Akzente setzen. Mit den beiden kanadischen Sopranistinnen Linda Perillo und Barbara Hannigan, dem Countertenor David Cordier der in letzter Zeit viel Opernerfahrung gesammelt hat, was gestalterisch überaus positiv auffällt , mit dem Tenor Knut Schoch und dem Bass Stephan MacLeod arbeitet Martini schon lange zusammen, es sind ganz offene, ungekünstelte Stimmen. Diesmal nun stellte er mit der Schottin Nicola Wemyss eine neue Sopranistin vor, und sie gab hier in Kloster Eberbach ein fesselndes Debüt ab. Sie verfügt über eine perfekte Barockstimme, klar, rund und mit Mut zur Aussage, im Mezzobereich markig, in der Höhe mit aller Leichtigkeit. Das Neue, es fasziniert eben. Aber auch »Gideon« selbst stellte keinen bloßen Abklatsch der Vorjahre dar, dafür hatte jener Händel-Adlatus Smith seinerzeit schon gesorgt.
Denn für das dritte der drei »abgekupferten« Oratorien hatte Smith auch eigene Werke ausgeschlachtet, vor allem sein damals kaum rezipiertes »Darius-Fest«. Und siehe, neu eingebunden zwischen all den Händel-Nummern (vor allem aus dem »Dixit Dominus« und den »Neun deutschen Arien«) macht Smith gar keine schlechte Figur. Manches wirkt etwas konventionell, doch meist findet er bezwingende, schon deutlich endbarock schlichte Melodien, lässt im Duett Terzen schichten und in den Arien Emotionen sprechen. Smith the Younger war, das hat uns Martini in diesem Jahr gekonnt vorgeführt, auch als Komponist mehr als nur ein Handlanger.
Main-Echo Aschaffenburg vom 11. Juni 2003
Stefan Schickhaus