Lobgesang auf die humanistische Tat

Kloster Eberbach: Junge Kantorei und Frankfurter Barockorchester mit dem Oratorium „Gideon“

Für Beethoven war Händel der „unerreichte Meister aller Meister“ – respektvolle Verneigung vor dem riesenhaften Gesamtwerk, welches der Kraftmensch und vitale Gipfelstürmer mit ausgeprägt weltlicher Orientierung hinterließ. Neben zahllosen Concerti grossi sind rund 40 Opern darunter sowie an die 30 Oratorien weltlichen wie biblischen Inhalts.

Zu den tief und intensiv grabenden Sachwaltern des Händelschen Oratorienschaffens gehört seit Mitte der 80-er Jahre die Junge Kantorei mit Sitz in Frankfurt unter Leitung von Joachim Carlos Martini. Als drittes einer Reihe von „Mischwerken“, die zum Teil von Händel, zum Teil von seinem Schüler John Christopher Smith the Younger (1712-1795) stammen, brachten Junge Kantorei und Frankfurter Barockorchester in Kloster Eberbach nun das Oratorium-Pasticcio „Gideon" zu Gehör. Mit „Nabal“ und „Tobit“ gehört es zu einer Trias, die 240 Jahre als verschollen galt. Das Libretto, das auf einer alttestamentlichen Geschichte aus dem Buch der Richter basiert, handelt von den kriegerischen Zeiten, die der Eroberung Kanaans und dem Einmarsch ins „Gelobte Land“ folgten. Zur permanenten äußeren Bedrohung – ein Thema von brennender Aktualität – gesellt sich die innere: Die Kinder Israels laufen Gefahr, vom Glauben ihrer Väter abzufallen, wenden sich dem Kult des Baal zu. Am Vorabend einer der vielen Schlachten treffen Gideon und der gegnerische Heerführer, der Midianiter Oreb aufeinander: Gideon, dem das Kampfglück hold ist, müsste nur die Hand zum entscheidenden Schlag heben – aber er lässt Gnade walten, verschont den Gegner und findet mit dieser pazifistischen Geste den Beifall seiner Freunde wie auch seiner Feinde. Das Oratorium preist Gideon als humanistisches Vorbild.

Das knapp dreistündige Werk umfasst 72 Solo- und Chornummern. Es ist musikalisch gesehen vielleicht nicht unbedingt eine Offenbarung. Dennoch war die Aufführung nicht zuletzt ein musikhistorisch bedeutendes Unterfangen, das unterm Strich für den enormen Aufwand entschädigen mag. Freilich erwies sich just der massige, rund hundert Sängerinnen und Sänger umfasende Chor mitunter als Hemmschuh, der einer flotteren Gangart im Wege stand. Jedenfalls legt das pastorale, aufgehellte Werk mit vielen reigenartigen Dreier-Rhythmen ein schlankes, agiles Musizieren nahe. Allen vier Chor-Stimmen fehlte mitunter der überzeugende Impetus zum punktgenauen Einsatz („Immortal God“, „Great Jehovah“, „Let Jehovah by miracle confirm“); teils wurde das Klangpotenzial von Vokalen zaghaft oder gar nicht genutzt („Hail, enlivener of our cause!“). Im Endeffekt klang der Chor über die lange Dauer zu weich und einsilbig. Hingegen wusste das Barockorchester durch akzentuiertes, frisches Spiel durchweg zu überzeugen.

Manch klangliches Funkeln und barockes Glitzern bot das Solistensextett: Allen voran die aus Schottland stammende Barockspezialistin Nicola Wemyss (mit wunderschön samtig-warmem, fast von Alt-Schmelz umleuchtetem Sopran) sowie der britische Weltklassen-Altus David Cordier; Cordier gab mit der Arie „May kind angels“ (1. Akt) eine Kostprobe seiner enormen Phrasierungs- und Artikulationskünste, die nie spitzentechnischer Selbstzweck sind, sondern wirkungsvoll der aparten Schönheit der Stimme zur Ehre gereichen. In den weiteren Rollen sangen die Sopranistinnen Barbara Hannigan sowie Linda Perillo (mit sehr kultiviertem, klangschönem Ton), Knut Schoch (Tenor) und Stephan MacLeod (Bassbariton).

Herausragend zu Beginn das elegische Sopran-Duo „Lord, we seek thy blessing in pray'r“ (Nr. 7): Hier gelangen Martini und seinen Musikern im Umgang mit den sich schmerzvoll umwindenden Chromatismen, die dem Gesamtcharakter des Stückes kühn entgegen stehen, ein interpretatorisch großer Wurf; ein Miniaturkosmos aus fahlen, faszinierend gebrochenen Klangfarben von einigem Seltenheitswert.

Wiesbadener Tagblatt vom 11. Juni 2003
Johannes Bolwin