Händel, gemacht von Smith

Das Händel-Smith-Oratorium „Gideon“ mit der Jungen Kantorei

Nicht überall, wo „Hendl“ draufsteht, ist auch Hendl drin. Die Frage ist, ob's trotzdem schmeckt. Wer unter Georg Friedrich Händels Oratorien ein Werk mit Namen „Gideon“ sucht, wird viel Geduld brauchen und eine feine, musikwissenschaftlich gebildete Nase: Dann kann es sein, dass er auf diesen Titel stößt, in einer dicken Biografie über den Barockmeister etwa, die selbst Kompositionen verzeichnet, die nicht direkt aus Händels Hand überliefert sind, sondern erst nach seinem Tode 1759 in Umlauf kamen unter Verwendung seines berühmten Namens. Deren drei Oratorien stammen zum Beispiel aus der Werkstatt John Christopher Smith Vater und Sohn.

In Heidelberg hörte man „Nabal“ (2000), „Tobit“ (2001) und nun auch „Gideon“, drei Werke, die Smith-Vater, Sekretär und Alleinerbe Händels, und Smith-Sohn auf Libretti des Händel-Textlieferanten Thomas Morell mit der Musik des großen Händel in Pasticcio-Technik zusammenstellten – für einen guten Zweck. Sie unterstützten mit den Aufführungen, wie zuvor Händel selbst, das Londoner Waisenhaus und kauften mit den Einnahmen Gefangene aus dem Schuldenturm frei.

Die Smiths, aus Kitzingen und Ansbach stammend, kannten Händels Werke wahrscheinlich besser als dieser selbst. Der im Jahre 1750 erblindete Komponist benutzte selbst gern ältere Werke und arbeitete sie in neue Zusammenhänge ein – ein übliches Verfahren der Zeit. Doch manchmal ist etwas schneller neu geschrieben als in den Bergen von Papier gefunden – und diese wurden immer höher und undurchdringlicher. Smith the Elder und Smith the Younger halfen Händel bis zu seinem Tode beim Archivieren seiner Noten und verwendeten diese später beim Zusammenstellen dieser drei abendfüllenden Bibel-Oratorien. Doch sie komponierten auch selbst, schrieben die Rezitative und manche orchestrale Überleitung, ja auch ganze Arien und Szenen. In „Gideon“ (die Uraufführung ist nicht genau zu terminieren; wahrscheinlich fand sie um 1765 statt) ist der kompositorische Anteil von Smith the Younger höher als bei den anderen beiden Werken: von 33 Musiknummern stammen immerhin zwölf – einschließlich der Ouvertüre – von Smith. Und sie sind nicht schlechter als die des Meisters von der Themse.

Akribische Kleinarbeit

Smith the Younger (1712-1795) verstand sich nicht nur auf die Kunst der Cover-Version älterer Musik: auf die Melodie von „et in saecula saeculorum“ aus Händels „Dixit Dominum“ wird in „Gideon“ die Textzeile „and make happy thy faithful chosen nation“ gesungen – und es passt. Er verstand sich auch aufs Komponieren, so dass heute keiner unterscheiden könnte, was letztlich von wem geschrieben wurde. Joachim Carlos Martini, der Leiter der Heidelberger Aufführung, die zuvor im Kloster Eberbach zu hören war, hat in akribischer Kleinarbeit alle Originalquellen ausfindig gemacht und stellte sie im Programmheft zusammen: eine hoch interessante Studie. Wie überhaupt der Fund der Smithschen Collage-Partituren in der Sammlung Schoelcher, Paris, und die Erarbeitung und Wiederaufführung dieser drei Oratorien durch die klangprächtig und gut geschulte Junge Kantorei und das differenziert und lebendig artikulierende Barockorchester Frankfurt nicht nur eine musikwissenschaftlich bedeutsame und beachtliche Tat ist. Die jetzige „Gideon“-Aufführung in der Peterskirche machte dies zum wiederholten Male deutlich.

Martinis Händel-Stil folgt einer vor allem emotional packenden und mit großen Armbewegungen beschwörenden und bezwingenden musikalischen Ästhetik, die auf den Erkenntnissen der historischen Aufführungspraxis basiert. Sicher ist es nicht immer leicht für die Ausführenden, die sich auf exakte dirigentische Vorgaben nicht immer verlassen können, und einige wenige „Klapperstellen“ mussten daher hingenommen werden. Dennoch: Von papierner Wissenschaft ist da kaum etwas zu spüren, und Händels Geist war quasi „made by Smith“ die ganzen dreieinhalb Aufführungsstunden über gegenwärtig. Die fabelhaften Vokalsolistinnen Barbara Hannigan, Linda Perillo und Nicola Wemyss (Sopran), der immer wieder Staunen machende Altus-Routinier David Cordier, der Tenor Knut Schoch in der anfänglich recht unsicher intonierten Titelrolle und der phänomenal sprachdeutliche Bass Stephan MacLeod trugen jeder einen eigenen Charakter zu dieser hochkarätigen Aufführung bei. Sie wird wie die anderen Einspielungen der Frankfurter Ensembles auch auf CD dokumentiert werden. (Info: www.junge-kantorei.de)

Rhein-Neckar-Zeitung vom 12. Juni 2003
Matthias Roth