Das Wort von den „zu Unrecht vergessenen Meisterwerken“ wirkt ziemlich abgedroschen. Gleichwohl dürfte feststehen, daß nicht immer die Qualität über das Überleben eines musikalischen Kunstwerks entscheidet. Auch hochkarätige oder zur Entstehungszeit sehr populäre Kompositionen können sang- und klanglos in Vergessenheit geraten.
Was bleibt, sind Notenblätter in den Regalen der Archive. Joachim Carlos Martini hat sich mit seiner Jungen Kantorei auf die „Suche nach dem verlorenen Klang“ begeben und ist in der Musikabteilung der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt so reichlich fündig geworden, daß mit dem entdeckten Material in den nächsten Jahren mehrere interessante Raritäten enthaltende Konzertprogramme bestritten werden können.
Das erste Konzert der Reihe, die mit Werken aus einer immer anderen geographischen Region jeweils zum Jahresbeginn fortgesetzt werden soll, fand in der Dreikönigskirche statt und präsentierte „ungeheuerliche“ Werke aus dem italienischen Barock. Musiziert wurde dabei weitgehend aus gut leserlichen Handschriften, die im 19. Jahrhundert für den Cäcilienverein angefertigt worden waren. Dabei ließen nicht nur die Konzeption und die erlesene Werkauswahl den Abend zu einem herausragenden Ereignis werden, sondern auch die durchweg stilsichere Umsetzung der Partituren.
Einen ebenbürtigen Teil trug neben der. Jungen Kantorei das mit fünf barocken Streichinstrumenten und Continuo besetzte Ensemble „La Fantasia“ unter Rien Voskuilen (Cembalo und Orgel) bei. Die Instrumentalisten eröffneten das Programm in herrlich singendem Ton mit zwei Concerti grossi von Alessandro Scarlatti. Nahtlos schlossen sich zwei geistliche Madrigale für fünfstimmigen Chor, Streicher und Continuo desselben Komponisten an, wenngleich diese - typischerweise - einen deutlich konservativeren Stil aufwiesen als die weltlichen Concerti.
Von hohem satztechnischem Können zeugten auch die insgesamt fünf Sonaten für zwei Violinen, Viola und Continuo aus der Sammlung „La cetra“ („Die Zither“) von Giovanni Legrenzi (1626-1690), die „La Fantasia“ im folgenden zwischen den Vokalwerken ausdrucksstark gestaltete.
Die Sonaten sind über weite Strecken anspruchsvoll polyphon gesetzt und zugleich von großem melodischem Reiz. Besonders faszinierten die kantablen, zumeist lamentohaften langsamen Sätze. Noch wesentlich eigenwilliger und origineller wirkte allerdings die A-cappella-Messe in A-Dur von Antonio Lotti (1667-1740): teils altertümelnd, fast im Palestrina-Stil, dann wieder harmonisch ungewöhnlich modern. Besonders spannungsreich klang das von Martini in leichtem Staccato umgesetzte Agnus Dei.
Grandioser Schlußpunkt war das affektgeladene, wahrhaft großmeisterliche Stabat Mater von Emanuele d'Astorga (1680-um 1757). Gleich im Eingangschor zog die starke Chromatik unmittelbar in den Bann. Der Chor und die ausgezeichneten Solisten Bettina Pahn (Sopran), Ulrike Becker (Alt), Marcel Beekman (Tenor) und Christian M. Immler (Baß) waren die denkbar besten Anwälte des verlorenen Klangs. Gern wüßte man diesen nun auch konserviert.
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20. Januar 1998
Guido Holze