Frankfurter Rundschau, 30.01.2001

"Was wir sind, wird sich zeigen"

Damit sich der Ungeist nicht in den Köpfen festsetzt:
Kultur gegen Hass und Gewalt von Rechts in der Paulskirche

Von Susanne Braitsch

"Was es alles gibt. Da gibt es die, die schlagen. Da gibt es die, die rennen. Da gibt es die, die brennen. Da gibt es die, die hinsehen. Da gibt es die, die wegsehen. Da gibt es die, die mahnen . . . Was wir sind, wird sich zeigen." Der Frankfurter Lyriker Robert Gernhardt hat es in der Paulskirche auf den Punkt gebracht. Es ist ein Leichtes, die Eltern- und Großelterngeneration aus historischer Distanz zu fragen: Warum habt ihr gegen Hitler nichts unternommen? Selbst hingegen die Zeichen aufkeimenden Fremdenhasses zu erkennen und sich rechtsextremistischen Strömungen entgegenzustellen, erfordert weit mehr als moralische Empörung: Es setzt Zivilcourage voraus.

Mehr als dreißig Künstler und Kulturschaffende aus Frankfurt sind bei einer Veranstaltung der Initiative "Kultur gegen Hass und Gewalt von Rechts" in der voll besetzten Paulskirche aufgetreten. Ruth Fühner vom Hessischen Rundfunk (HR) hat die vierstündige Veranstaltung unter der Federführung von Joachim Carlos Martini von der Jungen Kantorei Frankfurt moderiert. Hass und Intoleranz bedroht nicht zuletzt auch den kulturellen Reichtum. Doch kann eine Kultur-Veranstaltung gegen Rechts mehr sein als ein gut gemeintes Symbol? Erreicht sie jene, die "Deutschland den Deutschen" brüllen und alle Ausländer am liebsten des Landes verweisen würden? Martini macht sich keine Illusionen.

Vielmehr geht es ihm darum, in die Breite zu wirken und latenten Fremdenhass zu bekämpfen, damit die Parolen der Neonazis nicht eines Tages in den Köpfen der Mehrheit Früchte tragen. Die Veranstaltung in der Paulskirche soll daher erst der Anfang einer Reihe sein. Sie wurde unter anderem von der Frankfurter Rundschau, dem HR, Institutionen beider Kirchen, der Johann Wolfgang Goethe-Universität, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der Deutschen Bibliothek, der Stadt- und Universitätsbibliothek, dem Schul-Dezernat und den Kunst- und Musikhochschulen Frankfurts unterstützt.

Gegen eine Kultur des Vergessens sind bekannte Künstler wie Rosemarie Fendel, Hanns Dieter Hüsch, Emil Mangelsdorff oder Ulla Berkéwicz mit Texten und Musikstücken angegangen sowie die Politiker Hans-Bernhard Nordhoff, JuttaEbeling, Achim Vandreike und der grüne Landtagsabgeordnete Tarek Al-Wazir (Oberbürgermeisterin Petra Roth war nicht gekommen).
Eindrücklich vermittelten Künstler wie der türkische Kabarettist Sinasi Dikmen oder der afrikanische Ethnologe Tirmiziou Diallo in Märchen und Sketchen etwas von ihrer Kultur und dem Gefühl des ewigen Fremdseins. "Kultur ist nicht nur unsere einzige Chance im Kampf gegen den Ungeist. Sie ist auch ein Teil des Ungeistes", mahnte Micha Brumlik vom Fritz-Bauer-Institut und wies als Beispiel für die barbarische Instrumentalisierung von Kunst für nationalsozialistische Zwecke auf die so genannte "Goethe-Eiche" im Konzentrationslager Buchenwald hin. Wolfgang Leuschner vom Sigmund-Freud-Institut wies darauf hin, dass Rockmusik in der Neonazi-Szene als rituelle Handlung zur Gleichschaltung der Gruppe eingesetzt wird.

Kultur - so wurde deutlich - wappnet nicht gegen Rassismus. Und oktroyierte (Leit-)Kultur bewirkt nicht automatisch Integration. Nur die Offenheit für fremde Kulturen kann vor rassistischen Auswüchsen bewahren. Wie sagt Erich Fried: "Ihr sollt sie euch nicht so anders denken."

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