Mit der «Marienvesper» hinterlässt der «göttliche Claudio» ein revolutionäres Zeugnis seiner Zeit, in dem er begreiflich macht, dass auch die erhabenen lateinischen Texte der Liturgie die Seele des Menschen zu wunderbarer Bewegung veranlassen können. Auf der Grundlage der gregorianischen Psalmodie bringt Monteverdi in seinem 1610 gedruckten Opus magnum einerseits gewaltige Chorblöcke, andererseits solistische Partien von bis dato unerhörter vokaler Virtuosität, die das Choralmelos gleichsam umranken – mit dem Ergebnis einer kühnen, selbst für heutige Hörer überwältigenden Klangwirkung.
Dirigent Joachim Carlos Martini ging das Werk ohne jede Hetze an, der Text und seine Ausdeutung standen im Vordergrund. Die vokale Hauptrolle in diesem Werk spielte die Junge Kantorei, ein Zusammenschluss von Chören aus Frankfurt, Bonn, Heidelberg und Marburg. Sie ließ sich mit musikalischer Flexibilität vernehmen, in feiner Nuancierung von Dynamik und Ausdruck. Auch eine glückliche Solistenauswahl bewies Martini. Das Concerto «Pulchra es» gelang den Sopranistinnen Dorothee Mields und Nicola Wemyss ungemein eindringlich, mit natürlicher Anmut. Die koloraturensicheren Tenöre Knut Schoch und Christian Dietz wetteiferten mit dem Bassisten Peter Kooij im «Duo Seraphim». Und Altus Wolfgang Kistner sang seinen Part im Magnificat mit einer Intensität und Vokalfärbung, dass einem wahrlich der Atem stockte. Einen ausgezeichneten Eindruck hinterließ das Barockorchester Frankfurt. Die obertonreichen, klangfarblich charakteristischen Instrumente historischer Bauart fanden mit Chor und Solisten selbst in technisch schwierigsten Passagen zu einer Einheit. Zur historischen Authentizität trug in den Antiphonen auch die Schola Cantorum der Liebfrauenkirche bei.
Frankfurter Neue Presse vom 17. Mai 2005
Claudia Arthen