Seit 20 Jahren war Claudio Monteverdi schlecht bezahlter Hofmusiker und Kapellmeister in Mantua, als er wie man vermutet 1610 eigens nach Rom reiste, um die Papst Paul V. gewidmete „Vesperae della Beatae Mariae Virginis“ persönlich zu übergeben: Er hatte wohl gehofft, in die Dienste des Vatikans treten zu können. Zwar wurde dem zu diesem Zeitpunkt 43 Jahre alten Komponisten im Vatikan ein freundlicher Empfang bereitet zu der erhofften Papstaudienz allerdings kam es nicht. Möglicherweise bewarb sich Monteverdi mit der Marienvesper dann für die begehrte Stellung des Kapellmeisters an San Marco in Venedig, einem der wichtigsten musikalischen Posten in Europa, zudem das begehrteste musikalische Amt, das die katholische Kirche außerhalb des Vatikans zu vergeben hatte: 1613 schließlich wurde Monteverdi auf diese Stelle berufen.
Die „Marienvesper“, die die Junge Kantorei mit dem Frankfurter Barockorchester unter der Leitung von Joachim Carlos Martini in der Basilika von Kloster Eberbach aufführte, kennzeichnet einen geradezu revolutionären Umbruch nicht nur im Schaffen Monteverdis, sondern in der gesamten Kirchenmusik des frühen 17. Jahrhunderts. Mit ihr vollzieht Monteverdi den Übergang von der Renaissance zum Barock, indem er der polyphonen Kirchenmusik der Renaissance („prima prattica“) die von ihm so genannte „seconda prattica“ gegenüberstellt: Er setzt die Gesangsstimme als emotionales Gestaltungsmittel ein; das Wort soll „die Geliebte der Harmonie, nicht ihr Diener“ sein. In der Marienvesper werden diese beiden Gestaltungsmittel zu einer für die damalige Zeit sensationellen, bis heute wohl unübertroffenen Synthese vereint. Formal ist das Werk wie ein gregorianischer Vespergottesdienst angelegt. Integriert sind fünf Psalmkompositionen mit vier dazwischengefügten solistischen „Concerti“, der Hymnus „Ave maris stella“ und ein prächtiges „Magnificat“. Die festliche Ouvertüre erinnert in vielerlei Hinsicht an die des „Orfeo“.
Einfach großartig gelang die Wiedergabe mit der Jungen Kantorei und dem Frankfurter Barockorchester auf seinem historischen Instrumentarium - besonders „authentisch“ wirkte im sakralen Raum die Realisierung der Antiphone durch die Schola Cantorum der Liebfrauenkirche (Peter Reulein, Rainer Bittner, Sven Marte). Klangprächtig entfaltete sich der hervorragend präparierte Chor, bemerkenswert war der hohe Verschmelzungsgrad der Stimmen und des historischen Instrumentariums, gerade auch die Art und Weise, wie die Instrumente namentlich bei Colla-parte-Partien den vokalen Duktus stützten. Die Vokalsolisten die Sopranistinnen Dorothee Mields und Nicola Wemyss, der Altus Wolfgang Kistner, die Tenöre Knut Schoch und Christian Dietz sowie der Baß Peter Kooij hätten wohl nicht besser ausgewählt sein können. Langanhaltender Applaus belohnte diese grandiose, von Vitalität und Inspiration getragene Aufführung.
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19. Mai 2005
Joachim Wormsbächer