Barockes Klagen und Toben

Die Frankfurter Junge Kantorei mit „Nabal“ im Rheingau

Die Englisch-Lexika, mit denen Joachim C. Martini den Text des Oratoriums Nabal übersetzt hatte: Sie sind mit Jahr und Ort im Programmheft dokumentiert. Die Bibelausgaben, die Martini zu Rate zog: Elf an der Zahl führen die vierseitige Bibliografieliste an. Es wird nicht mehr lange dauern, dann müssen die Programmhefte der traditionellen Pfingstkonzerte der Frankfurter Jungen Kantorei in zwei Bänden erscheinen.

Das Wissen und die Akribie, die der Musikforscher und Kantorei-Leiter Joachim Carlos Martini da an den Tag legt, ist gewaltig. Doch kommt dabei nie das lustvolle Musizieren zu kurz. Als jetzt in Kloster Eberbach die Junge Kantorei und das Barockorchester Frankfurt das Händel-Oratorium Nabal aufführten, war es sogar die lustvollste Wiedergabe seit 1764 – denn damals wurde es zum letzte Mal gespielt, Martini und seine Musiker leisteten hier wieder einmal Pionierarbeit.

Mit Nabal, ebenso wie mit dem für Pfingsten 2001 angesetzten Tobit hat es etwas Besonderes auf sich: Georg Friedrich Händel hatte zwar die Musik komponiert, jedoch in ganz anderem Kontext. Händels rechte Hand seiner letzten Lebensjahre, ein gewisser John Christopher Smith jr., hat kurz nach seinem Tod aus verschiedenen Händel-Musiken ein eigenständiges Oratorium nachgebaut: Keiner würde einen qualitativen Unterschied merken, so hatte Joachim Martini angekündigt, und so trat es denn auch ein.

Der Dreieinhalbstünder in der voll besetzten Eberbach-Basilika geriet beinahe noch dramatischer als ein originaler Händel. Da wurde in bester barocker Manier geklagt, getobt und gejubelt, ohne dass diese Zweitverwertung gleich einer Schlagerparade glich. Denn Smith griff weitgehend auf Händel-Opern und -Oratorien zurück, die heute mehr als repertoirefremd sind: Faramondo, Muzio Scevola, Ezio, Joseph and his Brethren und ein Dutzend andere bildeten die Substanzgemeinschaft für Nabal, selten kam es da zu Wiedererkennungseffekten. Und gut gemacht war diese Compilation unbedingt, auch wenn die eine oder andere Smith-Wahl etwas verwunderte: Warum etwa eine Arie des Nabal, die mit den Worten „Schrecken“, „Entsetzen“ und „Zerschmettern“ nur so um sich wirft, als lyrisches Larghetto im Koseton daher kommt. Irritierend unschematisch.

Die alttestamentarische Geschichte: David, notleidend, will gegen den tumb-reichen Nabal kriegerisch vorgehen, weil dieser kein Schutzgeld herausgeben will. Nabals hübsche Frau Abigail stoppt David mit Gütern, guten Appellen und wer weiß was noch allem, das David imponiert. Nabal stirbt – auch hier weiß keiner genau, warum.

Joachim Martini zumindest gab einige Hinweise auf mögliche Finger im Spiel, indem er ausgerechnet die Sopranistin Maya Boog für die Partie der Abigail einsetzte. Denn wer so verschmitzt lächelt und dazu so strahlend schön singt, der hat den Schierlingsbecher gleichsam noch im Gürtel: Mord, zweifellos.

Maya Boog, die Schweizer Sängerin, die man aus ihrer Zeit am Staatstheater Darmstadt kennen konnte, ist eine ausgezeichnete femme fatale. Ihre Stimme ist leicht, aber eindringlich, betörend und durchsetzungsstark. Für die beiden männlichen Partien Nabal und David verließ sich Joachim Martini auf zwei nicht minder eindrückliche Sänger, die schon zum festen Stamm bei den Kantorei-Pfingstkonzerten gehören: Den Tenor Knut Schoch und den Bassbariton Stephan MacLeod, auch er gebürtiger Schweizer.

Der mächtige Motor des „falschen“ Händels war jedoch der Chor, die Junge Kantorei. Obwohl gut hundertstimmig besetzt agierte er ganz kammermusikalisch, immer deutlich, nie passiv. Hier fällt die Akribie, mit der Martini vorgeht, auf ebenso fruchtbaren Boden wie seine immens sprühende musikantische Lust.

Dieses Pfingstkonzert wird, wie bereits auch die Händel-Oratorien „Athalia“, „Saul“, „Il Trionfo del Tempo e della Veritá“ und „Deborah“ der letzten Jahre, als Mitschnitt bei Naxos auf CD erscheinen.

Frankfurter Rundschau vom 13. Juni 2000
Stefan Schickhaus