„Martini on the rocks“ heißen in der von Joachim C. Martini geleiteten Jungen Kantorei die traditionelle Pfingst-Aufführungen eines Händel-Oratoriums von mindestens drei Stunden Dauer in der klammen Basilika von Kloster Eber-bach. Auf „Athalia“, „Saul“, „Il trionfo del tempo e della verità“ und „Deborah“ folgte nun „Nabal“, ein Oratorium, das von Händel und doch nicht von Händel ist: Händel ist 1759 gestorben, „Nabal“ wurde 1764 von seinem langjährigen Sekretär John Christopher Smith the Younger aus Chören und Arien anderer Händel-Werke zusammengestellt. Um sie zu verkitten, komponierte Smith eigene, mit Händel-Zitaten durchsetzte Rezitative dazu. Das resultierende Pasticcio fordert zu einem Quiz-Spiel „Kennen Sie Händel?“ heraus. Um Streit zu vermeiden, hat Martini die Herkunft der Zitate im einzelnen nachgewiesen und in der leicht auffindbaren Mitte des Programmheftes aufgelistet.
Liebliches Geplätscher
Wie die Musik, kommt einem auch vieles im Libretto von Thomas Morell bekannt vor: Held David, hier verkörpert von Knut Schoch, ist groß und blond und schön und singt Tenor. Nabal, gesungen von Stephan MacLeod mit diabolisch schwarzem Bass und spürbarem Vergnügen an der komödiantischen Überzeichnung, ist reich, geizig und zynisch; als der hungernde David ihn um etwas zu essen bittet, fühlt er sich von ihm beim Feiern gestört und jagt ihn weg. Als Nabals schöne, kluge und seelenvolle Gattin Abigail wusste Maya Boog mit glanzvollen Sopran rührend über ihr Los zu klagen. Die Musiker des Barockorchesters Frankfurt pointierten Händels kompositorische Routinearbeiten mit angemessenem Unernst, waren jedoch flexibel genug zum Gestalten dramaturgischer Schlüsselstellen. Genial war eine Saitenriss-ähnliche Improvisation, die, mitten im lieblichen Geplätscher der lamentierenden Abigail, auf den Angriff eines bis zur Blutrünstigkeit hungrigen Davids vorbereitete.
Mit lerchenhaftem Sopranjubel, ergänzt durch effektvoll kalkulierte Mimik sang Linda Perillo eine im Schatten der einen wie der anderen Partei fröhliche Schäferin. Gegen Ende wand sich ihr „Happy“ um das von Davids Knaben Asaph (mit einem den barocken Originalklang-Instrumenten nachempfundenen Milchglas-Timbre: Francine van der Heijden). Zuvor hatte Abigail mit liebem Blick und leckerem Essen den zürnenden David soweit besänftigt, dass er sich unwiderstehlich in sie verliebte. Märchenhafterweise stirbt Nabal sehr bald seinen gerechten Tod. Die gute artikulatorische und intonatorische Feinarbeit des semi-professionellen Chores zeigte sich vor allem in den abenteuerlich dissonierenden Fugati und dem sadistisch-lustvollen Spiel mit der Lautgebung der Worte, die das Ableben des Geizkragens kommentierten.
Nun stand dem sozialen Aufstieg Abigail von einer Gutsbesitzerwitwe zur Königin nichts mehr im Wege, die David seelisch, geistig und hormonell den Rücken stärkt. Einer ausgiebigen Beschwörung der ewigen Liebe folgte im Schluss-Chor ein üppiger Klecks Völkerverbrüderungseuphorie: wenn alle Machthaber so wie David wären, wäre aller Zwist zwischen Völkern beendet, und Krieg und Knechtschaft für immer erloschen.
Wiesbadener Kurier vom 13. Juni 2000
Doris Kösterke