Händel anno 1764

„Nabal“ – Ein Pasticcio von John Christopher Smith jun. mit Musik des „Messias“-Komponisten

Als Georg Friedrich Händel 1759 starb, hinterließ er in seinem Haus in der Londoner Brook Street eine Fülle von Partituren und Skizzen. Ein Gesamtwerk, das mit 46 Opern, 237 Motetten, Kantaten und Oratorien, etlicher Kammermusik und einer großen Zahl von Fragmenten den Haupterben, John Christopher Smith the elder, der als Sekretär und Helfer des Komponisten über 40 Jahre Händels Werke in Schönschrift kopierte und für Aufführungen und Drucke vorbereitete, vor die gewaltige Frage stellte, wie dieses Œuvre zu sortieren, archivieren und publizieren sei. Wohl niemand kannte Händels Schaffen besser als Smith und sein Sohn mit den gleichen Vornamen, in der Literatur „the younger“ genannt.

Nach dem Tod des Älteren übernahm John Christopher Smith jun., der bei Händel auch das Komponieren gelernt hatte, die hinterbliebenen Geschäfte. Und da Händels Musik nach dessen Tod immer noch ein Vielfaches der Besucher seiner eigenen Werke anlockte, gab Smith dem offensichtlichen Bedürfnis des Londoner Eventpublikums nach und begann nach dem Tod seines Vaters, Pasticci mit Händels Musik anzufertigen: eine Art musikalischem Sandwich mit alten Schinken und neuen Toastscheiben, die alles zusammenhalten. „Nabal“ (1764) ist eines dieser Oratorien: Händel-Librettist Thomas Morell schuf einen Handlungsablauf nach der biblischen Geschichte um den wohlhabenden Großgrundbesitzer und Trunkenbold Nabal, ein Ignorant und “Kapitalist“ übler Sorte, seine kummervolle, weil sensible und einsame Gattin Abigail, und den Flüchtling David, der zwar mit Gott, aber ohne Wasser und Brot durch die Wüste marschiert. Er bittet um Hilfe, und Nabal schickt David dorthin zurück, woher er kam, was nicht nur seinen, sondern auch den Zorn des Barmherzigen erregt. Nabal wird vom Blitz erschlagen und Abigail aus ihrer Einsamkeit erlöst. Durch wen wohl?

Smith the younger hängt an diese schmachtende Story nicht weniger als drei Dutzend Arien, Chöre, Duette oder Instrumentalstücke aus sage und schreibe 28 Originalwerken Händels wie Perlen an eine Schnur. Er selbst komponierte die verbindenden Rezitative und Accompagnati und wahrscheinlich auch eine Arie und einen Teil der Sinfonia neu. Heute scheint uns ein solches Verfahren fast kriminell, doch im Barock war dies durchaus musikalische Praxis, Händel selbst bediente sich oft aus bereits Geschaffenem, wenngleich es ihm wohl leichter fiel, etwas Neues zu komponieren, als etwas Altes neuen dramaturgischen Bedingungen anzupassen, das er dann auch fast immer sozusagen ein zweites Mal komponierte.

Der Amerikaner Richard G. King hat die auf abenteuerliche Weise gerettete „Nabal“-Partitur und zwei weitere Pasticci-Oratorien Smiths als Teil der “Sammlung Schoelcher“ in der Pariser Bibliotheque Nationale wieder entdeckt, und Joachim Carlos Martini und seine „Junge Kantorei“ haben das Abigail-David-Oratorium nun unter anderem in Heidelberg erklingen lassen. Dramaturgisches Geschick, ja eine feine Nase für den jeweiligen Affekt der Situation kann man Smith kaum absprechen. Er wählte meist aus weniger bekannten Opern und Oratorien aus, oft auch sehr frühen Werken Händels, die 1764 kaum mehr bekannt gewesen sein dürften. Aber es finden sich auch Nummern aus „Alcina“, „Belshazzar“, „Giulio Cesare“ oder „Rodalinda“. Man bemerkt, wie genau er seinen Meister kannte. Die handlungstragenden Rezitative bezeugen zum anderen das profunde Handwerk des Komponisten Smith. Doch obwohl die erzählte Geschichte relativ dramatisch ist, am Ende gar zur herzerwärmenden Lovestory wird, gewinnt sie insgesamt nur wenig Profil. Es ist nach drei wunderbaren Stunden doch ein wenig wie im Supermarkt, wo man viele schöne Dinge eingekauft hat, aber kaum steht man an der Kasse, weiß man schon nicht mehr genau, wofür man eigentlich das Geld ausgab.

So standen die Solisten im Mittelpunkt der Aufführung in der Peterskirche, quasi einer modernen Erstaufführung, und diese waren durchweg ausgezeichnet: Maya Boog gab mit sehr klarer Stimme der Partie der traurigen Abigail zunächst mit angemessen melancholischem, später beglückt heiterem Ausdruck. Francine van der Heijden sang den Asaph mit feiner sängerischer Kontur, und die kanadische Sopranistin Linda Perillo überstrahlte die Aufführung in der etwas gesichtlosen Rolle des Hirten – diese war einer bestimmten Interpretin zugedacht gewesen und bietet daher inhaltlich wesentlich weniger als sängerisch – mit fein ziseliertem Wohlgesang, lupenreiner Höhe, federleichten Koloraturen und geschmeidigen Lyrismen. In der Titelrolle brillierte Stephan MacLeod mit fulminant sonorem, kultiviert schlankem Bass, und Knut Schoch als David leuchtete mit höhensicherem und ausgeglichen klangschönem Tenor.

Die junge Kantorei sang Händel-erprobt und fugensicher, hatte Diktion und Artikulation solide erarbeitet. Das Frankfurter Barockorchester, im Continuo mit zwei italienischen Cembali, Orgel und Theorbe bestückt, spielte auf historischen Instrumenten und zeigte sich als kompetente Händel-Truppe. Doch an Farbigkeit ließ man es unter Joachim Martinis Leitung bisweilen etwas fehlen. So waren etwa Theorbe und Orgel kaum und die Holzbläser ausnehmend selten zu vernehmen. Mag sein, dass Smith bei der Einrichtung der Partitur weniger auf instrumentale Abwechslung achtete, denn auf die Wirkung der Gesangspartien und so gibt es nur wenige Nummern mit Instrumentalsoli. Aber es schien auch, dass die Heidelberger Wiedergabe durch den Klang der Streicher auffallend stark bestimmt wurde und eine größere Dominanz der anderen Instrumente durchaus denkbar gewesen wäre. Das Heidelberger Publikum quittierte die ungewöhnliche Ausgrabung dennoch mit lang anhaltendem, begeistertem Beifall und feierte vor allem die Vokalisten.

Rhein-Neckar-Zeitung vom 14. Juni 2000
Matthias Roth