Rarität mit feurigem Atem

Die „junge kantorei“ führte Händels Oratorium „Nabal“ auf

Insgesamt 25 Mal hat sich die 1968 gegründete „junge kantorei“ aus Frankfurt am Main mit Aufführungen kirchenmusikalischer Kompositionen dem Publikum vorgestellt. Neben Standardwerken gilt das vordringliche Interesse des agilen Chorleiters Joachim Carlos Martini der Aufführung selten gespielter oder in Vergessenheit geratener Tonschöpfungen. Ergebnis erneuter Suche nach solcher Rarität war die Ausgrabung des Oratoriums „Nabal“ von Georg Friedrich Händel, das in der Basilika von Kloster Eberbach vor begeistertem Auditorium seine Wiederaufführung erlebte.

Um die große Lücke im Oratorium-Schaffen nach dem Tod des in London hoch verehrten Händel zu schließen, schrieb Thomas Morell das Libretto zu „Nabal“. John Christopher Smith, langjähriger Assistent Händels, stellte aus dem reichen Fundus des Komponisten die Musik zu den Arien, Duetten und Chören zusammen. Wie glücklich er dabei verfuhr, konnte man im Verlauf des Abends feststellen.

Unter der passionierten Leitung Martinis wurde die alttestamentarische Legende vom hartherzigen und herrschsüchtigen Nabal, der dem in Not geratenen David Nahrung und Hilfe verweigert und als Folge dieses Verhaltens in wenigen Tagen stirbt, zu einer fesselnden Begegnung. Die Musik, ergänzt durch Rezitative aus der Feder von Smith, besticht durch dramatische Kontur, hellt die gespreizte, barocke Attitüde durch elanvollen, oft geradezu feurigen Atem auf.

In den lyrischen Stellen herrscht weiche, poetische Stimmung – hier war ein Musik- und Theaterpraktiker am Werk. Unverständlich, dass dieses Oratorium so lange auf seine Wiedererweckung warten musste. Martini dirigierte energisch zupackend und vital. Er erreichte mit dem auf Originalinstrumenten spielenden Ensemble des Frankfurter Barockorchesters federnden, filigranen Klang.

Da gab es wie bei seinem Chor kein Verwischen polyphoner Strukturen, es wurde flexibel und akzentreich, durchweg rhythmisch und intonatorisch exzellent musiziert. Ein kleiner Ausfall bei einer Kadenzierung ist verzeihlich. Die homogen und wendig mit ausgezeichneter Diktion singende „junge kantorei“ konnte auch mit vorzüglichen jungen Solisten aufwarten. Stephan MacLeod war ein profund singender Nabal, Knut Schoch ein Tenor mit sehr schönem baritonalem Timbre. Abigail, Gattin Nabals und später Davids, fand in Maya Boog eine vorzügliche Interpretin. In weiteren Sopranpartien bewährten sich Francine van der Heijden (Asaph) und Linda Perillo (Sheperd) auf das Beste. Allen Sängern muss man Standfestigkeit in den schwierigen Koloraturen und Intonationssicherheit bescheinigen.

Besondere Erwähnung verdient Martini mit seinem Orchester, das der affektvoll-emphatischen Musik Händels ein hervorragender Vermittler war.

Wiesbadener Tagblatt vom 14. Juni 2000
Richard Hörnicke