Wenn die Frankfurter „Junge Kantorei“ zu ihrem traditionellen Pfingstkonzert zum Kloster Eberbach in den Rheingau zieht, kann man sich auf einige Konstanten verlassen. Immer wird dort ein großes Händel-Oratorium aufgeführt, immer ein anderes, unbekanntes, immer exzellent musiziert. Kantorei-Gründer und -Leiter Joachim Carlos Martini wurde dabei mit der Zeit zum wahren Händel-Experten, der gräbt und schürft und Fassungen rekonstruiert, wie sie seit Händels Zeit nicht mehr zu hören waren.
Dieses Jahr nun war ein Oratorium an der Reihe, dessen Musik zwar von Händel stammt, der es aber selbst nie zu Ohren bekommen hatte. In einem Pariser Bibliothekskatalog stieß Martini auf eine Direktionspartitur von „Nabal“, im Parodieverfahren aus verschiedenen Händel-Werken zusammengesetzt von einem gewissen John Christopher Smith, einem engen Vertrauten des Meisters aus London.
Fünf Jahre nach Händels Tod wurde dieses Patchwork uraufgeführt, jetzt wurde es wieder spielbar gemacht und zum Vorschein kam ein Vollblut-Oratorium, das einem originalen Händel in nichts nachsteht. Joachim Martini war sich da von Anfang seiner Smith-Forschung an sicher: Dieser nachgebaute Händel ist in einigen Punkten effektvoller als die meisten Vorbilder, denn Smith verzichtete auf die Da-capo-Teile der Arien. Und auch die Accompagnato-Rezitative, die Smith selbst komponierte, tragen schon erste Züge der Frühklassik, sind eingängig und warm zu hören.
Das Material, das da in der Basilika von Kloster Eberbach nach 236 Jahren Dornröschenschlaf erstmals wieder vorgestellt wurde, war also spannend und mehr als nur eine skurrile Verästelung der Musikgeschichte. Doch nicht weniger meisterhaft war das enorme musikalische Potenzial, das Joachim Martini dabei zur Verfügung stand.
Da war zum einen die „Junge Kantorei“, Martinis ureigenes Werkzeug für eine detailreiche, mitreißende Klanggestaltung. Man merkt, die Kantorei setzt sich aus gut geschulten Kammerchören zusammen, singendes Massenverhalten ist hier unbekannt. Aus Individualisten, weil Spezialisten für historische Instrumente, setzt sich auch das „Barockorchester Frankfurt“ zusammen, dessen Mitglieder in ganz Europa zu Hause sind. Diese Chor-Orchester-Kombination harmoniert auf einem Niveau, das den Vergleich zu keinem der etablierten Ensembles der historischen Aufführungspraxis zu scheuen braucht.
Unter den Solisten waren alte Bekannte der Pfingstkonzerte wie Knut Schoch oder Stephan MacLeod, ersterer ein Tenor mit tadelloser Technik und mildem Tonfall, letzterer ein heller Bassbariton, der für die Rolle des polternden Hedonisten Nabal fast zu schön klang. Im eigentlichen Zentrum der Handlung wie auch dieser Aufführung aber stand Maya Boog, eine jener Sopranistinnen, die mit ihrer Stimme sirenenhaft betören können und perfekt auf dem schmalen Grat balancieren, den eine mädchenhafte Unschuld von einer infernalischen Salome trennt.
Ihre Rolle hier war die der Abigail, die vielleicht ihren Mann Nabal umgebracht hatte, als der junge David ihren Weg kreuzte. Vielleicht, denn weder das Alte Testament noch John Christopher Smith äußerten sich konkreter in diesem nie vollkommen aufgeklärten Kriminalfall. Doch wer Maya Boog so bezaubernd singen hörte und dabei so raffiniert lächeln sah, der kann eigene Schlüsse ziehen. Wer weitere Indizien sammeln möchte: Demnächst erscheint der Mitschnitt dieses Händel/Smith-Nabal bei Naxos auf CD.
Main-Echo Aschaffenburg vom 18. Juni 2000
Stefan Schickhaus