Ein Oratorium in der Nähe zur Oper

Kloster Eberbach: Junge Kantorei mit Händels „Solomon“ / Überzeugendes Solisten-Quintett

Eindeutig in die Nähe zur Oper rückte Joachim C. Martinis Interpretation von Händels alttestamentlichen Oratorium "Solomon". Und es bekam dem wohl lyrischsten Beitrag Händels zur Gattung keinesfalls schlecht. Im Gegenteil: Selten hat man die drei Episoden um den König in dieser Bildhaftigkeit erlebt. Entgegen kam Martini hierbei, dass Händel sich in seinem Opus sehr genau an den Gesetzen der Opera seria orientierte und nach Stimmungsgehalten und Affekten unterschiedliche Partien schrieb.

Dass das Ergebnis in der Basilika von Kloster Eberbach nicht zum Spagat zwischen den Gattungen wurde, war begründet in Martinis stilistischem Feingefühl. Da standen filigrane Lyrismen gleichberechtigt neben dramatischen Abschnitten, der chorische Lobpreis neben der kontemplativen Arie. Und Martini verstand es vorbildlich, die monumentalen Dimensionen der Komposition zur Einheit zu verbinden, den Atem über eine Aufführungsdauer von mehr als drei Stunden zu wahren.

Großen Anteil an dieser hochkonzentrierten Interpretation hatte das Frankfurter Barockorchester. Souverän in den eigenständigen instrumentalen Sätzen wie der Chorbegleitung, machte es immer wieder in der Gestaltung der Arien auf sich aufmerksam. Eine Orchesterleistung von hoher Sensibilität, die man auch der Jungen Kantorei zusprechen kann, die gekonnt zwischen Polyphonie und Homophonie agierte. Gelegentlich hätte man ihr intensivere Strahlkraft gewünscht, die indes das beteiligte Solisten-Quintett in geradezu überreichem Maße auszeichnete.

Da verwandelte sich eine glänzende Elisabeth Scholl von der liebenden Gattin zur boshaft auftrumpfenden Mutter, mit blühend makellosem Sopran ebenso markant wie Knut Schoch als Priester und der Bassist Matthias Vieweg als Levit. Da streifte die Sopranistin Nicola Wemyss gelegentlich ein wenig zu deutlich die Opernbühne, überzeugte letztlich aber restlos in Timbre und Stimmkultur. Wie aber die Fäden dieser Aufführung in Ewa Wolaks Gestaltung der Titelpartie zusammenliefen, das darf schlichtweg als Ereignis angesehen werden. Präsent vom ersten bis zum letzten Takt, musikalisch, stimmtechnisch wie interpretatorisch gleichermaßen intensiv, erinnert diese Altistin an die Größten ihres Fachs.

Wiesbadener Kurier vom 1. Juni 2004
(fre) Friedhelm Eschenauer