In weniger als sechs Wochen komponierte Georg Friedrich Händel das Oratorium „Solomon“ im Mai und Juni 1748. Nur wenige Monate zuvor hatte der Friede von Aachen die europäischen Kriege beendet. So war die Wahl des Stoffes für dieses Oratorium wohl kein Zufall: Ganz Europa hoffte auf eine bessere, vor allem aber auf eine friedliche Zukunft. Und so nimmt es vielleicht nicht wunder, daß der Komponist in dieser historischen Situation für sein Oratorium die auf Weisheit gründende Macht des biblischen Königs Salomo wählt.
In der Reihe der längst zur Institution gewordenen Pfingstkonzerte der Jungen Kantorei unter der Leitung ihres Gründers Joachim Carlos Martini war „Solomon“ in der Basilika des Klosters Eberbach zu hören - in der englischen Originalversion und, dies muß man bei Martinis Projekten kaum hinzufügen, musikwissenschaftlich akribisch recherchiert und aufbereitet. Das Frankfurter Barockorchester spielte auf historischen Instrumenten.
Im ersten Akt des Oratoriums zeigt Händel Salomo als glücklich verheirateten Mann und gottesfürchtigen Herrscher, der den Tempelbau in Jerusalem zum Ruhme Israels vollendet; den zweiten Akt widmet der Komponist dem weisen Richter, der das sprichwörtlich salomonische Urteil im Streit zweier Frauen um ein Kind fällt. Der dritte Akt feiert Salomo als klugen, friedliebenden Staatsmann, der die Königin von Saba prunkvoll bewirtet. Für die fragile Schönheit von Händels Musik waren die Sängerinnen und Sänger der Jungen Kantorei bestens präpariert: In der Akustik der Basilika erlebte man ein ungewöhnlich weiches, ebenso transparentes wie homogenes Klangbild, zu dem das überaus feinsinnig und gewandt agierende Frankfurter Barockorchester mit Judith Freise als Konzertmeisterin einen nicht minder reizvollen Orchesterklang beisteuerte.
In ungekünstelter Anmut erklang die Musik, gleichermaßen getragen von spürbarem, freudigem Engagement und hoher instrumentaler und musikalischer Kompetenz - kein noch so kleines Ornament wurde hier dem Zufall überlassen. So manches delikate illustrative Moment ließ hier aufhorchen - übrigens auch im von Rien Voskuilen am Cembalo und der Orgel kunstvoll realisierten Continuopart.
Glänzend besetzt waren die Vokalsoli mit den souverän und ausdrucksstark agierenden Sopranistinnen Nicola Wemyss (Queen of Sheba, First Harlot) und Elisabeth Scholl (Pharao's Daughter, Second Harlot). Der Tenor Knut Schoch (High Priest) und der sehr tenoral timbrierte Baß Matthias Vieweg (Levite) standen den Frauenstimmen jedoch nicht nach.
Eine ganz besondere Faszination freilich ging von der Altistin Ewa Wolak in der Titelpartie aus: Man erlebte eine wahrlich grandiose Stimme von unglaublicher Sonorität und Tiefe, Kraft und Ausdrucksintensität, die mit ihrem dunklen Timbre einen durchaus ,,männlichen" Solomon suggerierte. „The name of the wicked shall quickly be past; but the fame of the just shall eternally last“ gab der achtstimmige Schlußchor den Zuhörern als moralische Botschaft mit auf den Weg - große Ovationen belohnten diese großartige Aufführung.
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 2. Juni 2004
Joachim Wormsbächer