Die TV-Zeitschrift hätte eine Alternative gewusst: 3Sat, 15.55 Uhr, Salomon und die Königin von Saba, US-Monumentalepos von 1959 mit Yul Brynner und Gina Lollobrigida. Monumental? Eher eine kleine, kurze Angelegenheit, verglichen mit jener Solomon-und-Saba-Version, die zeitgleich in der Basilika von Kloster Eberbach anhub: Solomon, Monumental-Oratorium von Georg Friedrich Händel, mit der Jungen Kantorei, dem Barockorchester Frankfurt und unter der Gesamtregie von Joachim Carlos Martini. Alles andere ist ein Kammerspiel.
Seit 28 Jahren hält die Frankfurter Junge Kantorei ihre Pfingstkonzerte in Eberbach ab, die vergangenen Jahre gab es stets eines jener vielstündigen Händel-Oratorien, die dem Dirigenten Martini so ans Herz gewachsen sind. Martini schätzt bei Händel einen ganz besonderen Zug, einen, der sonst kaum jemandem auffällt: seinen musikalischen Humanismus. Und darum liebt Martini diesen Solomon auch im Speziellen, denn da werden keine Tyrannen gepfählt wie in Deborah, keine Zehntausende getötet wie in Saul - bei Solomon werden nur echte Werte besungen. Das hörte sich zwar jetzt in der Eberbach-Basilika vergleichsweise undramatisch an. Aber gerade die Chorszenen offenbaren glänzende Musik, und die Junge Kantorei, mit einem leichten Überschuss der hohen Stimmen deutlich hell gehalten, zeigte wieder einmal große Klasse. Monumental anzusehen, aber - wie etwa im Chorsatz May no rash Intruder - von so fantastischer Leichtigkeit im Klang, als träumte man einen Shakespeareschen Sommernachtstraum.
Nichts gegen Brynner und Lollobrigida, aber Ewa Wolak und Nicola Wemyss gaben ein noch idealeres Paar aus Salomon und der Königin von Saba ab. Die Sopranistin Wemyss ist Schottin, singt Händels Oratorien-Englisch mit entsprechend leichter Zunge und gab sich als Verschwenderin emotionaler Akzente. Ihre reine Stimme strahlte, ihr Sopran jubelte. Daneben die Polin Ewa Wolak, eine Altistin, die über alle Qualitäten eines Countertenors verfügt: Klarheit und Kraft und eine gewisse Unwirklichkeit im Klang. Denn Wolaks Alt ist tief, unglaublich tief, und rund und voll und sinnlich. Sie, im Verbund mit Barockfagott und Violen, stellte einen Ton von haptischer Qualität in die Kirchenkühle, wie Samt auf der Haut und der Seele.
Was ihr dagegen ein wenig fehlte, und worin die dritte Frau im Bunde, Elisabeth Scholl, in diesem Trio ungeschlagen blieb, war die Präzision. In Solomons Arie Komm, eile mit mir in den Zedernhain eilten Ewa Wolak und das Orchester in arg verschiedenen Tempi. Der Zedernhain sah die Altistin als uneinholbare Erste.
Pfingsten 2004 mit der Jungen Kantorei, das war wieder Musik im Überfluss, auf höchstem Niveau. Die Händel-Tradition erfährt im nächsten Jahr übrigens eine Zäsur. Da wird dann Claudio Monteverdis Marienvesper gegeben. Ein vergleichsweise knappes Werk.
Frankfurter Rundschau vom 2. Juni 2004
Stefan Schickhaus