Streicht die Saiten, weckt die Leidenschaft

Junge Kantorei und Barockorchester Frankfurt mit Händels Oratorium „Solomon“ in Heidelberg

Ein Lob auf den weisen, tugendhaften Herrscher ist Händels Oratorium „Solomon“, welches die Junge Kantorei und das Barockorchester Frankfurt unter Leitung von Joachim C. Martini bei ihrem traditionellen Pfingstkonzert in der Heidelberger Peterskirche zur Aufführung brachten. Ein Geschenk Gottes sei seine Weisheit und sein Wissen um die menschliche Seele, so sagt es uns Solomon.

In der Tat ist das Panorama der menschlichen Seele, welches der Herrscher der Königin von Saba im dritten Akt mittels der Kraft der Musik vorführt, von höchster Eindrucksstärke und beredtes Zeugnis von Händels musikalischer Fantasie. „Streicht die Saiten und weckt unterschiedliche Leidenschaften, durch die ihnen gemäße Weise“, ordnet Solomon an und dann folgen auf die sanfte Seite der Seele wie aus heiterem Himmel martialisch tobende Schlachtenklänge, denen Chor und Orchester ungeheuer fesselnde Prägnanz beigaben.

Die Wogen des Ausdrucks und der Leidenschaft schlugen hoch in dieser Aufführung, und darüber hinaus gelang dem Ensemble eine Wiedergabe, die sich der besonderen Klangwirkungen gegenüber sehr bewusst zeigte. Aparte Farbwirkungen erlangten schönste Reize – so zu Beginn im Priesterchor, dessen samtig flutendes Dunkel einen starken Kontrast zu der lichtblitzenden Streicherbegleitung bildete. Große Frische und Farbenreichtum (wunderbare Oboensoli) brachte das Barockorchester Frankfurt ins Spiel, musizierte elastisch im Allegro-Schwung, affektstark und mit flammender Klangrede.

Exzellente Gesangssolisten ist man von den Aufführungen unter Martinis Leitung schon gewohnt und wurde auch diesmal nicht enttäuscht: Die Altistin Ewa Wolak sang mit kraftvoller Sonorität und metallischem Klang, bei resonanzreich orgelndem Brustregister die Titelpartie des Solomon, baute mit dunkler Farbenglut ihrer weit tragenden Stimme große Eindringlichkeit auf. Intensiv strömend, gestaltete die Altistin überaus facettenreich, trug große Gefühle und bewegende Tiefe, in ihre Arien.

Mit feinein Silberklang ihres sehr leicht geführten Soprans gefiel Elisabeth Scholl, brachte ebenso viel Innigkeit (als Königin) wie Passioniertheit (als Kindesentführerin) in ihren Gesang. Reich an Ausdruck und erlesenen Farbvaleurs sang die schottische Sopranistin Nicola Wemyss, eröffnete als Königin von Saba die sinnlichen Reize ihrer lyrisch schmiegsamen Stimme mit entzückendem Charme, um all die Exotismen in ihrem und in Solomons Land in Worten einzufangen. Koloraturengewandt, schlank und elastisch virtuos sang der Tenor Knut Schoch (Zadok), der Bassist Matthias Vieweg (Levit) gefiel mit beweglich-schlankem, nobel und wohlgetöntem Organ. Emphatischen Ausdruck und Klangschönheit ließ die Junge Kantorei reichlich strömen, mit Leidenschaft und stilbewusstem Sinn singend. Sattes Volumen entwickelte der Chor in den hymnischen, klar und prägnant gesungenen homophonen Sätzen, gestaltete prägnant konturiert in den polyphonen Partien.

Rhein-Neckar-Zeitung vom 2. Juni 2004
Rainer Köhl