Händel der Sonderklasse

Oratorium »Solomon« in Kloster Eberbach

Von Salomon, dem weisen König, hat sich eigentlich nur eine Episode nachhaltig eingeprägt: Wie er den Streit zwischen zwei Frauen um das Kind listig löst, indem er nach dem Schwert ruft. Auch Georg Friedrich Händel, der »Solomon« ein eigenes, vielstündiges Oratorium widmete, hatte diese Szene bedacht – sie hat Kontur, hat dramatisches Potenzial. Doch die Szene ist vergleichsweise kurz und das Oratorium von epischer Länge. Alles davor und danach ist rein betrachtend und lyrisch. Kein Schlachtenlärm, keine Heldenverehrung, wie sonst oft bei Händels Bibelstoffen – und gerade deshalb ist dieser »Solomon« für Joachim Carlos Martini so wertvoll.

Bekenntnis zum Frieden

Der Frankfurter Musikologe, Dirigent und bekennende Humanist führt jedes Jahr zu Pfingsten mit seiner Jungen Kantorei und dem Barockorchester Frankfurt in Kloster Eberbach ein anderes Händel-Oratorium auf. Diesmal also »Solomon«, und Martini wollte es dezidiert als »Bekenntnis zum Frieden und als ein Gebet um Frieden« verstanden wissen. Das Herrscherbild, das da in den schönsten, wärmsten Tönen gezeichnet wird, ist ein Idealbild, reflektiert und sanft. Doch das Böse hat wie immer gute Argumente. Wenn etwa die Sopranistin Elisabeth Scholl als »zweites Weib« den listigen Schiedsspruch um das geteilte Kind mit einer Jubelarie begrüßt, dann hat das Feuer und Schärfe. Elisabeth Scholl ist hierfür auch denkbar gut besetzt, ihre Klarheit und ihre Genauigkeit sind messerscharf, das Weiche überlässt sie den anderen. Ihr Gegenpart wurde gesungen von der schottischen Sopranistin Nicola Wemyss, die zwar nicht weniger stilkompetent auftrat, aber in emotionaler Wärme geradezu badete. Höchst erfreulich waren beide Stimmen, und ihre Auswahl bestätigte einmal mehr, wie genau Joachim Carlos Martini mit Stimmfarben und Vokalqualitäten umzugehen versteht.

Akzentreicher Tenor

Regelmäßig in Martinis Pfingstaufgebot findet man einen, der in den letzten Jahren deutlich an Format gewonnen hat: den Tenor Knut Schoch, hier mit der Partie des Priesters Zadok. Was früher an ihm etwas neutral wirkte, hat sich mittlerweile überaus positiv entwickelt hin zu einem gestalterisch flexiblen Barocksänger. Von natürlicher Ansprache war sein Tenor schon immer, jetzt setzt er ihn auch noch akzentreich ein.

Doch alle Macht ging bei diesem »Solomon« von der Titelrolle aus: Ewa Wolak, die phänomenale Altistin aus Polen, sang einen Salomon von umwerfender Größe. Ihr Alt füllte den Raum mit Tiefe und Wärme gleichermaßen, und mit einer stimmlichen Exotik, wie man sie sonst nur bei männlichen Altisten findet. Dass dieser König Salomon nicht alltäglich ist, dass von ihm etwas Besonderes ausgeht: Das hörte man sofort.

Der groß besetzte und meisterhaft geführte »professionelle Laienchor«, wie sich die Junge Kantorei nicht ohne Grund selbst nennt, dazu das auf Originalinstrumenten spielende Barockorchester Frankfurt, diese beiden äußerst vitalen Klangkörper sorgten wieder für einen Händel der Sonderklasse. Pfingsten 2005 wird die Händel-Tradition übrigens einmal kurz pausieren. Dann steht nämlich Monteverdis »Marienvesper« auf dem Programm.

Main-Echo vom 8. Juni 2004
Stefan Schickhaus