Auf der Suche nach dem verlorenen Klang haben der Dirigent Joachim Carlos Martini und die Frankfurter Junge Kantorei in den vergangenen Jahren schon viele Musikwerke aus dem Staub der Archive ans Licht und dann zum Klingen gebracht. So gab es zum Auftakt der Reihe 1998 in vermutlich historischer Erstaufführung hochkarätige Musik aus Italien zu hören. 1999 führte die Klangsuche nach Frankreich, in den vergangenen zwei Jahren nach England.
Diesmal war nun die Iberische Halbinsel der Grabungsort: Chor- und Instrumentalmusik der ausgehenden Reanissance und des frühen Barock aus Portugal und Spanien stand in der sehr gut besuchten Frankfurter Dreikönigskirche auf dem Programm. Über Leben und Werk der hierzulande größtenteils kaum bekannten Komponisten fand sich im akribisch erstellten, 67 Seiten starken Programmheft wieder eine Fülle von Informationen, dazu die Texte der Vokalwerke mit Übersetzungen, ein Glossar und mehr nahezu eine Hausarbeit für ein musikwissenschaftliches Hauptseminar.
Mit derselben Akribie gingen Martini und die Junge Kantorei die Aufführung an. Die klare Artikulation und textbezogene Gestaltung zeugten davon. Daß man als Zuhörer etwa von den Schwierigkeiten der zum Teil achtstimmigen, stilistisch sehr ähnlichen Motetten von Estêvão Lopes Morago (15751630?) und Estêvão de Brito (15751641) kaum etwas mitbekam, sondern sie in ihrem natürlichen Fluß als schlicht wahrnahm, sprach nur für die Darbietung. Gestützt wurden die Sänger dabei vom Ensemble La Fantasia auf historischen Instrumenten. Judith Freise und Eva Scheytt (Barockviolinen), Freek Borstlapp (Viola da Gamba), Ivanka Neeleman (Baß Viol.) und Rien Voskuilen (Orgel) stellten zwischen den Vokalblöcken acht Instrumentalstücke vor, die sich klanglich mit ihren reichen Fiorituren nicht fernstanden. Besonders schön etwa der verspielte und tänzerisch vorgetragene Satz Obra de octavo tono: Ensalada von Sebastián Aguilera de Heredia (15611621).
Martini brachte in zügigen Tempi zu Recht die Tanzcharaktere auch der geistlichen Werke heraus und gab mit großem Körpereinsatz rhythmische Impulse so speziell in vier Motetten von Francisco Guerrero (15281599), Kapellmeister der Kathedrale von Sevilla, mit typisch religiös-amourösen Renaissance-Texten. Als besonders hochwertige Kompositionen erwiesen sich drei Motetten von Tomàs Luis de Victoria (15481611), der päpstlicher Kapellmeister war und in seiner spanischen Heimat den Stil seines Lehrers Palestrina einführte. Ein schwungvoller barocker Ausklang waren schließlich Kompositionen von Francesc Valls (16651747), der an den Kathedralen zu Gerona und Barcelona wirkte: Ihre Estribillo genannten Refrains hatten Ohrwurmqualität.
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24.1.2002
Guido Holze