Was für die Wirtschaftsgeschichte gilt, trifft auch auf die Musik zu: vor der großen Industrie kommt die Manufaktur. Sie blühte besonders im London des 18. Jahrhunderts, wo an metaphysischem Überschuss puritanisch-bürgerlicher Bedarf herrschte und Georg Friedrich Händels maßgeschneiderte Oratorien in der Stückzahl zu begrenzt waren. Mit dem Aus-, Um- und Einbau von Arien und Chören aus der bestehenden Produktpalette in neuer biblischer Verpackung ließ sich die Anzahl an Werken und Aufführungen steigern. John Christopher Smith jr. verstand sich auf das Geschäft, und Tobit ist eine der Kompilationen des Händel-Modulors.
Unterlegt ist dem Arrangement ein Stoff, der in der Basilika des Klosters Eberbach den Oratoriums-Liebhabern das Pfingstfest veredelte. Die anglophone Kombinatorik transportiert höchst würdig alttestamentarischen Gehalt: die Jahwe-Treuen im feindlichen Land werden mit Stärke, Glück und Tapferkeit belohnt, was die gut dreistündige Klangpredigt nicht müde wird zu verkünden.
Zu Joachim Carlos Martinis historischer Korrektheit in Instrumentarium und Artikulation es musizierten das Barockorchester Frankfurt und die Junge Kantorei kam diesmal als Authentizitäts-i-Tüpfelchen noch die Raumtemperatur in der Kirche, die den schlecht geheizten englischen Häusern des Jahres 1765 entsprochen haben dürfte, wo das Werk bis zu seiner Eberbacher Auferstehung letztmalig erklang. Neu waren einige Zusätze, die Martini selber eingefügt hat: schöne Sinfoniae und einige Gesangsstücke, die in ihrer Eigenart das Profil des Werkes reizvoller machten.
Schwerlich vorzustellen allerdings, dass die stimmliche Qualität vor 230 Jahren so gut war wie jetzt im Rheingau, wo zur bekannten Beweglichkeit und Luzidität der 100 Kantoristen sechs Solisten kamen, die die menschenfreundlichen Botschaften gut verdaulich machten. Joy and peace to all mankind, wie es in Gesangsstück Nr. 59 heißt das war das Sängerfest Tobit und die drei Soprane, denn die himmlischen und irdischen Kombattanten sind allesamt Sopranstimmen zugedacht. Nur in Nuancen unterschieden war der etwas leichtere und rundere Ton von Maya Boog, bot die Amerikanerin Linda Perillo einen Hauch mehr Metall und ein im Lippenbereich flektiertes Volumen, während ihre Landsmännin Barbara Hannigan ganz aus der Brust heraus, gleichsam stützlos und schwingungsfrei wie eine Flöte sang. Vor dem Hintergrund von soviel Sopran-Gold kam das Kupfer der wieder großartig beweglichen und fest-körperlichen Stimme Alison Browners ideal zur Geltung.
Das männliche Silber Knut Schochs und das bronzene Dunkel Stephan MacLeods vervollständigten einen Vokal-Geschmack, den man im Jargon der Hessischen Staatswein-Domäne Eberbach als typisch für gut ausgebaute Jahrgangsauslese mit langer Reife bezeichnen müsste.
Frankfurter Rundschau vom 5.6.2001
Bernhard Uske