Fest schöner Stimmen

Eberbach: Junge Kantorei mit Händels „Tobit“

Es klingt nach musikgeschichtlicher Kuriosität und ist doch nur der auf die Spitze getriebene barocke Brauch, Teile älterer Kompositionen in neue Werke zu integrieren: Da durchforstet der Freund und Assistent Händels, John Christopher Smith jr., das Werk seines verstorbenen Meisters, lässt auf Grundlage des apokryphen alttestamentlichen Buches „Tobit“ ein Libretto vom Händel-Librettisten Thomas Morell maßschneidern, und verbindet das Ganze durch Rezitative und Accompagnati aus eigener Feder. Insgesamt drei neue Oratorien schuf Smith auf diese Weise. Und nachdem die Junge Kantorei unter Joachim Carlos Martini im Vorjahr „Nabal“ zu neuem Leben erweckte, so stand im Mittelpunkt des traditionellen Pfingstkonzertes in diesem nun die leidgeprüfte Figur des Tobit, die sehr stark an „Hiob“ erinnert.

Es spricht für das Musikalische von Smith, dass ihm mit „Tobit“ ein Werk ohne hörbare Brüche gelungen ist. Perfekt sind da die Affekte von Vorlage und Neuschöpfung abgestimmt, fügen sich die eigenen Kompositionen nahtlos ein. Fingerspitzengefühl freilich bewies fraglos auch Joachim C. Martini, der nicht nur diese umfangreiche Partitur in einer beispielhaften Aufführung zum Klingen brachte, sondern das „Pasticcio“, also das „Pastetchen“, durch weitere delikate Zugaben anreicherte.

Ein ausgesucht jugendlich-schlankes Solistensextett hatte Martini aufgeboten, das bis in die Koloraturen überzeugte, an Intensität des Gestaltens keine Wünsche offen ließ, dessen markante Einzeltimbres sich in den Ensemblesätzen hervorragend ergänzten. Baritonal grundiert Knut Schoch, Tenor, in der Titelrolle, bis in die hohe Lage ausdrucksvoll der „Raguel“ von Stephan MacLeod, Bass. Makellos Maya Boog als „Anna“, jugendlich strahlend der „Raphael“ von Barbara Hannigan, vollendet rund die dritte Sopranistin Linda Perillo als „Sarah“, deren getupftes „Alleluja“ alleine schon den Besuch der Aufführung wert war. Markant die Altistin Alison Browner als „Tobias“. Ebenbürtig die Streicher und Bläser des Frankfurter Barockorchesters, zusammengehalten durch eine überaus wendige Continuo-Gruppe. Eindrucksvoll auch die Junge Kantorei, die allenfalls in den polyphonen Partien etwas deutlicher akzentuiert hätte agieren können, deren warmer Gesamtklang aber entscheidend beitrug zum Erfolg dieser Aufführung, die orchestral und vokal Maßstäbe gesetzt hat.

Wiesbadener Kurier vom 5.6.2001
Friedhelm Eschenauer