Die Basilika von Kloster Eberbach ist die Wiederauferstehungskirche für jene drei Oratorien, welche John Christopher Smith the younger weitgehend im Rückgriff auf den Werkfundus Georg Friedrich Händels nach dessen Tod kompilierte und in den Jahren nach 1760 unter Händels Namen auf den Markt brachte. Nach Nabal zu Pfingsten 2000 kam nunmehr Tobit an die Reihe, und der übernächste Pfingstsonntag ist bereits für Gideon reserviert.
Eine Trilogie ergibt sich aus dieser Folge aufgrund der Eigenständigkeit der drei Werke nicht: Während Nabal von einer filmreifen Liebesbeziehung mit theologischen Implikationen berichtet, formt sich aus der Beziehung zwischen Sarah und Tobias im Tobit lediglich eine Nebenhandlung. Hauptanliegen des der Monolatrie und einer im Oratorium nicht eingehender behandelten magisch-mythischen Schicht verhafteten biblischen Stoffs bleibt die Anbetung des richtigen Gottes: Wer es mit Jahve hält statt mit Baal, geht am Ende als Sieger vom Platz und hat natürlich auch in Liebesdingen Glück.
Die unter theologischen Gesichtspunkten schlichte Botschaft hat sich bis zum heutigen Tag ihren Reiz bewahrt. Der Wunsch, Gutes und Böses sauber zu scheiden und sich selbst dabei auf der richtigen Seite zu wissen, bildet eine unerschöpfliche Quelle für Erzählstoffe. Die Begabung Joachim Martinis, gemeinsam mit seiner jungen Kantorei und dem Barockorchester Frankfurt eine konsequent am Originalklang ausgerichtete Interpretation mit der plastischen Konturierung dieses überzeitlichen Elements zu verbinden, zeichnete auch das aktuelle Pfingstkonzert aus. Durch alle Prüfungen und Anfechtungen der Rechtgläubigen hindurch schimmerte durchgehend eine ungebrochene, vitale Zuversicht, die schließlich in einen Durchbruch zum Licht mündete, während sich über der Stadt Ninive die Wolken des Strafgerichts zusammenzogen. Die Mitglieder der seit etlichen Jahrzehnten bestehenden jungen Kantorei erreichten bei der Darstellung der Extreme gelegentlich ihre Grenzen. Die Notwendigkeit, vermehrt junge, neue Stimmen zu gewinnen, deutete sich an. Gleichwohl ermöglichte Martinis in der Vorbereitung wie im eigentlichen Konzert unbedingter Einsatz Resultate von außerordentlichem Rang, die sich gleichermaßen auch der technischen Souveränität und der rhythmischen Vitalität des Orchesters verdankten.
Unter den exzellenten Solisten fanden treue Besucher der Pfingstkonzerte bekannte Gesichter: Des Basses Grundgewalt sicherte sonor und intonationssauber Stephan MacLeod. Dem Tobit lieh der Tenor Knut Schoch die Stimme, seiner Frau Anna die Sopranistin Maya Boog. Das Liebespaar Sarah und Tobias verkörperten Linda Perillo und Alison Browner. Als Darstellerin des verkleideten Erzengels Raphael polierte die Sopranistin Barbara Hannigan dessen letzte Aitr, In Jehova's awful sight, sehr wirkungsvoll auf Hochglanz.
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 6.6.2001
Benedikt Stegemann