Die Entstehungsgeschichte dieser Komposition führt uns in das überfüllte, unaufgeräumte Büro des eben verstorbenen Georg Friedrich Händel in der Londoner Brook Street des Jahres 1759. Dort fanden sich zahllose Manuskripte, Partituren von Opern-, Oratorienwerken, Kammer- und Orchestermusik. John Christopher Smith, der mit seinem Sohn jahrzehntelang als Kopist für den Meister tätig war, sollte es aber gelingen, Ordnung in den Nachlass zu bringen. Und nachdem die aus den verschiedensten musikalischen Vorlagen entstandenen Werke Nabal, Tobit und Gideon lange Zeit in den Archiven der Sammler verstaubten, brachte sie der findige Chef der Jungen Kantorei, Joachim Martini, vor einigen Jahren ans Tageslicht. Nach dem Debüt von Nabel im vergangenen Jahr erlebte nun also das sich inhaltlich auf das apokryphe Buch Tobit im Alten Testament beziehende Oratorium seine erste Aufführung seit 1765. Ein bedeutender Tag in der Basilika von Kloster Eberbach.
Chor und Orchester, die ja seit vielen Jahren so homogen zusammen musizieren, würdigten diese musikgeschichtliche Leistung ihres Dirigenten mit makellos vorgetragener Musik. Natürlich waren es auch hier wieder die fugierten Abschnitte, die den Chor zu Höchstform brachten. Hier hörte man saubere, klare Stimmlagen, denen nur zuweilen eine etwas genauere Aussprache gut gestanden hätte. Das Orchester hatte in den zahlreichen Sinfoniae Gelegenheit, einen zarten Streicherteppich zu zeigen. Unter den Solisten gefielen vor allem die mit perlenklarem Sopran ausgestattete Maya Boog, Alison Browner (Mezzosopran) und der Tenor Knut Schoch in der Titelrolle; seine Stimme verkörperte die Barmherzigkeit und Mildtätigkeit des alten Tobit und seiner Familie im Zweistromland im besten musikalischen Sinne.
Frankfurter Neue Presse vom 7.6.2001
Matthias Gerhart