Lohnende Besessenheit

Händels Oratorium »Tobit« im Kloster Eberbach

Der Niedergang der italienischen Barock-Oper in London vollzog sich relativ rasch. Noch mitten in der Blüte der erfolgreichen italienischen Komponisten, Sänger und Instrumentalisten platzte anfangs 1728 die Aufführung der »Beggar’s Opera« von Christoph Pepusch und John Gay. Das Publikum hatte offenbar genug von der sinnleeren Verherrlichung seiner Könige in Form allegorischer Götter-Kantaten.

Mehrere Jahre später musste Georg Friedrich Händel seine Opernprojekte erfolglos abbrechen. Er öffnete sich ein anderes, gewinnbringendes Betätigungsfeld, das des Oratoriums. Ruhm und Rendite kehrten zurück. Dem Brauch der Zeit entsprechend bediente John Christopher Smith der Jüngere, ein Freund Georg Friedrich Händels, auch nach dessen Tod die Musikwelt mit weiteren Oratorien, indem er unter anderem die Lebensgeschichte des frommen Tobias und dessen Sohn nach einem Libretto von Thomas Morell mit Musik aus verschiedenen Opern und Oratorien von Händel versah. Das neue Oratorium wurde unter dem Titel »Tobit« im Jahr 1765 uraufgeführt.

Joachim Carlos Martini hat die Partitur in der Pariser Bibliothèque Nationale wieder aufgespürt, neu ausgesetzt und um weitere Arien angereichert. Im Kloster Eberbach wurde dieses seither nicht mehr gesungene Werk wieder aufgeführt. Man kann dem detailgenauen Spurensucher und seiner kreativen Besessenheit nur höchste Dankbarkeit aussprechen, dass er diese großartige, oft berückend schöne Musik wieder dem Musikleben unserer Zeit zugeführt hat.

Begeisternde Eindringlichkeit

Nur sehr schweren Herzens mag man ihm zu einigen Kürzungen in der drei Stunden erfordernden Partitur raten. Die überaus begeisternde und eindringliche Aufführung war zwar primär ein Resultat der inspirierten und impulsiven Vorarbeit und Leitung Martinis, der noch für das Programmheft verantwortlich zeichnete. In gleicher Weise jedoch kamen der solide singenden Jungen Kantorei sowie dem vital und kraftvoll spielenden Barockorchester Frankfurt – mit Primgeigerin Judith Freise – größtes Lob zu.

Die durchwegs jungen, technisch bestens ausgerüsteten Stimmen von Maya Boog, Linda Perillo und Barbara Hannigan (Sopran), Alison Browner (Mezzosopran), Knut Schoch (Tenor) und Stephan MacLeod (Bass) gestalteten ihre Rollen dezent zu plastischer Wirklichkeitsnähe. Linda Perillo sang besonders hinreißend mit fester, zugleich variabler und leuchtender Stimme die anspruchsvollen Arien der Sarah. Langer und herzlicher Beifall dankte für diese herrliche Pionierleistung.

Main-Echo vom 11.6.2001
Christian Ekowski